Louis de Wohl

Die Geschichte als Lehrmeisterin




In einem Antiquariat fand ich eine gedruckte Ausgabe dieses Radio-Vortrags von Louis de Wohl im Sender Beromünster am 8. November 1959. Diesen Text fand ich in verschiedener Hinsicht sehr interessant, sodass ich ihn hier einstelle. Ein Urteil darüber möge sich jeder Leser selber bilden.

Eine druckbare PdF-Datein kann hier herunter gelanden werden

Grenchen, 16. Juli 2017  Stefa Fleischer




Liebe Freunde!

Die Geschichte, die man mir auf der Schule beibrachte, war in erster Linie Kriegsgeschichte. Hauptbestandteile waren die Daten der regierenden Herrscher und der Schlachten, die sie oder ihre Feldherren geschlagen hatten. Alexander der Große, 336-323 vor Christus - Krieg gegen die Perser, Schlacht am Granikus, 333! Keilerei bei Issus, 331: Schlacht bei  Gaugamela... 100-44 vor Christus: Gaius Julius Caesar - Eroberung von Gallien, Bürgerkrieg, Ermordung. Aber der eigentliche Beginn der Weltgeschichte war das Jahr 9 nach Christus, als die Römer frech geworden und Armin der Cherusker drei ihrer Legionen im Teutoburger Walde vernichtete. Das war, wie Sie wohl bereits gemerkt haben, in Deutschland.

Später, in England, mußte ich feststellen, daß die Weltgeschichte damals eigentlich noch gar nicht angefangen hatte. Sie begann vielmehr im Jahre 1066 nach Christus, als Wilhelm der Eroberer den Britenkönig Harold bei Hastings schlug. Vorher waren zwar schon Römer im Lande gewesen, darunter auch ein gewisser Caesar, aber das lag denn doch bereits zu weit zurück und war nur eine kurze Visite. Mussolini hat uns dann 1940 wieder daran erinnert, als er bei einem einmaligen Einsatz italienischer Bomber über London Plaketten mit seinem eigenen Bild als Caesar abwerfen ließ.

In den Vereinigten Staaten beginnt die Geschichte mit einem Schiff. Es ist nicht etwa die Arche Noa, sondern die Mayflower, also das Maiblümchen, das im Jahre 1620 die puritanischen Pilgerväter in Amerika landete. Vorher waren zwar schon ein paar Italiener dagewesen - Amerigo Vespucci und Christoph Columbus - und noch früher wahrscheinlich auch ein Skandinavier namens Leif Erikson - aber nur auf kurze Besuche.

In anderen Ländern beginnt die Geschichte überhaupt erst im Jahre 1847, als Karl Marx zusammen mit Engels das kommunistische Manifest erließ. Vorher gab es zwar schon einmal eine französische Revolution, aber nur für ein kurzes Intermezzo. Und noch vorher war alles Barbarei und Feudalherrschaft. Und nun wird es vielleicht gar nicht mehr so lange dauern, bis der Geschichtsunterricht mit den Worten beginnt: «In grauer Vorzeit, als die erste bemannte Rakete auf dem Monde landete ...»

Immerhin gibt es bei den westlichen Völkern ein Geschichtsbuch, das mit bewundernswerter Konsequenz dahin zurückgeht, wo die Geschichte wirklich anfängt: bei den ersten Menschen. Schon deshalb heißt dieses Buch mit Recht DAS Buch, biblos, - die Bibel. Freilich, nun kamen die Paläontologen und behaupteten, daß die etwa sechs Jahrtausende, auf die die Bibel zurückgeht, gar nicht der Anfang waren. Aber die Chronologie der Bibel ist außerordentlich elastisch, ganz besonders wenn es sich um Genealogie handelt. Wenn es nämlich in der Bibel heißt, daß jemand der Sohn eines bestimmten Mannes war, so bedeutet es oft lediglich, daß er von diesem Manne abstammte, und zwar manchmal zwanzig oder dreißig Generationen später. So wird zum Beispiel Jesus Christus als «Sohn Davids» bezeichnet. Und David lebte rund tausend Jahre vor Christus und war sein Ahnherr.

Was aber unseren gemeinsamen Ahnherrn Adam angeht, so war er homo sapiens. Daß es vor ihm bereits menschenähnliche Wesen gab - Neandertaler, Magdalcnier, Cro-Magnon und wie sie alle heißen, bestreitet heute niemand. Die Naturgeschichte hat sich zwar eine Zeitlang emsig bemüht, die Geschichte der Menschheit mit der der Tiere zu verbinden, aber wie G. K. Chesterton bereits sagte, das einzige, was wir über das ,missing link', das fehlende Zwischenglied, mit Bestimmtheit wissen, ist, daß es noch immer ... fehlt. Im übrigen ist ja auch Evolution nichts anderes als allmähliche Schöpfung ...

Bis vor kurzem bestand - etwa hundert Jahre lang - die Theorie, daß unser Stammbaum auf gewisse Affenarten zurückgehe. Viel weniger beachtet wurde die Theorie der malayischen Bewohner Sumatras und Borneos, wonach der Orang-Utan - Orang heißt Mensch, Utan heißt Wald - ein Waldmensch war und nicht etwa ein Affe. Die Malaien hatten sogar eine sehr triftige Begründung dafür, warum sich der Orang in den Utan zurückgezogen hatte. Sie behaupteten, er habe das getan, um ... keine Steuern bezahlen zu müssen. Die Theorie der Abstammung des Menschen vom Affen, die seltsamerweise gerade in intellektuellen Kreisen so großen Anklang gefunden hatte, erlitt nun in jüngster Vergangenheit einen gelinden Stoß. Der Basler Gelehrte, Professor Dr. Hürzeler, hat in Mittel­italien die Überreste von menschenähnlichen Wesen untersucht, die vor etwa zehn bis fünfzehn Millionen Jahren gelebt haben. Bisher hatte man angenommen, daß es solche Wesen erst seit etwa einer Million Jahren gäbe. Sollte sich die Annahme Hürzelers endgültig bestätigen, so würde das bedeuten, daß menschenähnliche Wesen bereits zur Zeit der frühesten Affen existierten. Orang-Utan,  Gorilla und Schimpanse wären daher auf keinen Fall unsere Ahnen, sondern bestenfalls unsere Vettern.

Was aber die eigentliche Geschichte der Menschen betrifft, so kommt unser Wissen nicht viel über sechstausend Jahre hinaus. Und das ist natürlich im Verhältnis zum Alter unseres Planeten ein winziger Zeitabschnitt.
Die einfachste Form der Geschichte ist zweifellos die Kriegsgeschichte. Sie läßt sich daher auch auf einen sehr einfachen Nenner bringen. Sie ist und bleibt die Geschichte der Entwicklung von Schwert und Schild. Das erste Bronzeschwert konnte einen hölzernen oder ledernen Schild durchstoßen. So erfand man den metallenen Schild. Damit fing es an. Seitdem liegt manchmal das Schwert vor, also der Angriff - und manchmal der Schild, also die Verteidigung. Ein Engpaß war ein Schild gegen einen Angriff auf breiter Front. Eine Befestigungsanlage war ein Schild gegen zahlenmäßig überlegene Angreifer. Im Ersten Weltkrieg stand 1914 das Schwert vorn. Aber schon 1915 brachte den Stellungskrieg, und beide Gegner lagen sich beschildet gegenüber, so daß keiner einen nennenswerten Vorteil erzielen konnte.

Beim Studium der Kriegsgeschichte ist man geneigt zu denken, daß die Geschichte zwar eine hervorragende Lehrmeisterin ist, aber reichlich törichte Schüler hat. Es kommen so offensichtliche Fehler vor, daß man sich an den Kopf fassen möchte. Der größte Schild aller Zeiten - von der Chinesischen Mauer abgesehen - war die Maginotlinie. Sie galt als uneinnehmbar. Sie hatte zwar in den Ardennen ein Loch, aber das machte nichts. Im Zweiten Weltkrieg war deshalb alles baß erstaunt, daß gerade durch dieses Loch der Angriff erfolgte. Singapore war eine uneinnehmbare Festung. Auf drei Seiten war sie vom Meer umgeben. Die vierte war nicht so wichtig, denn da lag ja wilder Dschungel. Eine moderne Armee würde doch nicht durch Dschungel angreifen! Aber gerade das tat die japanische  Armee, und Singapore fiel.

Immer wieder versucht man, gegen einen festen Schild ein noch schärferes Schwert zu machen und gegen dieses Schwert einen noch festeren Schild. Gerade jetzt ist wieder einmal das Schwert an der Reihe. Gegen die gesteuerte Fernrakete gibt es noch keinen Schild. Noch nicht! Morgen wird es ihn wahrscheinlich geben. Sicher ist, daß, während ich zu Ihnen spreche, ein paar scharfsinnige mathematische Köpfe an der Arbeit sind, ihn zu finden.
In der Kriegsgeschichte gibt es nicht viel Veränderung. Es ist immer der gleiche Unfug. Man sage mir nicht etwa, die heutige Situation sei neu und noch nie dagewesen: daß nämlich zum ersten Mal in der Geschichte die Mächte sich ratlos gegenüberstehen, weil sie wissen, daß ein Angriff zwar den Gegner vernichtet, aber auch gleichzeitig die eigene Vernichtung bringen muß. Es ist genau die gleiche Situation wie vor fünfhundert oder dreitausend Jahren, wenn sich zwei Wilde mit vergifteten Speeren oder Blasrohren gegenüberstanden. Ein Ritz genügt - der andere Mann muß sterben. Aber nicht ohne daß auch er zum Zustoßen oder Zublasen kommt. Oder zum Wurf. Und auch bei seiner Waffe genügt ja schon der kleinste Ritz ...

Und trotzdem kann man auch hier eine Entwicklung sehen. Der Krieg begann in der eigenen Familie. Der Bruder erschlug den Bruder. Dann kam es zu Fehden zwischen Familien. Dann zwischen Stamm und Stamm - zwischen Stadt und Stadt - zwischen Nation und Nation. Zwischen Gruppen von Nationen gegen andere Gruppen. Vielleicht werden wir auch noch den Rassekrieg erleben müssen. Material ist genug da. Wir brauchen nur an die indisch-chinesische Spannung zu denken, oder an die Lösung der Afrika-Frage. Vielleicht kommt es auch noch zu großen Auseinandersetzungen zwischen der weißen und der mongolischen Rasse.

Oder haben wir aus der politischen Geschichte etwas gelernt? Nach der bisherigen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zu urteilen, herzlich wenig. Schon vor zweitausenddreihundert  Jahren stellte Plato fest, der beste Regent sei derjenige, der gar nicht regieren wolle und es daher auch nur widerwillig tue: der Philosoph. Aber Philosophen kommen nur sehr selten an die Macht. An die Macht kommen vielmehr zumeist diejenigen, die sich mit dem größten Eifer und Aufwand an Energie danach drängen. Übrigens - beim Philosophen käme es wohl doch noch sehr darauf an was seine Philosophie ist! Auch Hegel und Marx waren schließlich Philosophen ...

Macht in menschlicher Hand ist eine gefährliche Sache. Lord Acton sagte: « Macht macht korrupt - und absolute Macht macht absolut korrupt »; und stellt dann fest, daß die meisten sogenannten ,großen' Männer der Weltgeschichte ... böse waren.

Das deutet natürlich auf die Demokratie als die beste politische Regierungsform hin. Die Macht ist verteilt. Sie wird den Regierenden nur auf eine ganz bestimmte Zeit verliehen, und sie sind dem Volk gegenüber für ihre Anwendung verantwortlich. Unsere gegenwärtige Zeit ist so pro-demokratisch, daß selbst die Totalitären sich gern das Mäntelchen der Demokratie umhängen.

Es wäre aber sehr verfehlt, anzunehmen, daß Demokratie an sich fortschrittlich ist, andere Systeme dagegen, wie etwa die Monarchie, veraltet und ,überwunden'. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, daß Griechenland, vor zweitausenddreihundert Jahren bereits Demokratie, heute Monarchie ist. Und es gibt überhaupt keine Regierungsform, die nicht bereits im alten, vorchristlichen Ägypten ausprobiert worden ist: absolute Monarchie, gemäßigte Monarchie, Oligarchie, Sozialismus, Kommunismus und Theokratie. Auch gibt es Mischformen, wie zum Beispiel im heutigen Großbritannien, wo Monarchie und Demokratie durchaus harmonisch verbunden sind.
Die Schweiz hat anderen Ländern ein Vorbild dafür gegeben, wie man das Minoritätenproblem löst. Schweizer Minoritäten leben reibungslos und harmonisch miteinander und fühlen sich auch gar nicht als Minoritäten, sondern eben als Schweizer, obwohl sie vier verschiedene Sprachen sprechen. Wollte Gott, daß andere Länder von der Geschichte der Schweiz lernten! Auch in Großbritannien ist das Problem so ziemlich gelöst. Nur darf man zum Beispiel einen Schotten nicht als Engländer bezeichnen,  höchstens als Briten. Er protestiert höflich, aber bestimmt, wenn man ihn einen Engländer nennt.

Eine ideale Regierungsform aber gibt es nicht - trotz Plato -, und es kann sie auch gar nicht geben. Denn die beste Regierung besteht aus Menschen und regiert Menschen. Eine ideale Regierung setzt ein ideales Volk voraus - und damit wären wir bei dem angelangt, was Augustinus den Gottes-Staat nannte. Die Lösung der gröberen politischen Konflikte läge, äußerlich gesehen, in einer Weltregierung, die aber den einzelnen Völkern ihre charakteristische Eigenart ließe. Welt-­Kantone unter einer Welt-Bundesregierung. Bei den Riesenländern würde eine Aufteilung in mehrere Welt­Kantone notwendig sein. In China also etwa ein Kanton Peking, ein Kanton Nanking, ein Kanton Kanton - und so weiter. Aber damit hat es wohl noch gute Wege. Besonders schwierig ist dabei die Aufstellung eines Exekutivorgans, also einer Weltpolizei. Quis custodiat ipsos custodes? Und selbst dann wird es noch immer Nachbarn geben - und es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!

Also kommt es auch hier wieder auf die innerliche Seite an und damit auf den Einzelmenschen. Geschichte ist Entwicklung. «Männer machen die Geschichte», pflegte mein alter Geschichtslehrer zu sagen. Heute aber weiß ich, daß sie nur zum Teil von Menschen gemacht wird. Zu anderen Teilen hängt sie von ganz anderen Dingen ab. Und niemals ist der Mensch die letzte Instanz.

Die Völkerwanderung entstand nicht aus dem Machtwillen einzelner Männer. Sie entstand aus Land-Not. Die Germanen drängten nach Westen und Süden vor, weil ihre Stämme zu zahlreich geworden waren, um mit dem Land, das sie hatten, auszukommen. Was sie trieb war ... der General Hunger. Und diese Gefahr hat nie aufgehört zu existieren und meldet sich auch heute wieder mit besonderer Stärke und Bedrohlichkeit. Zwei Drittel der Menschheit haben nicht genug zu essen! Aber es bestehen noch ungeheure Erdteile, die urbar gemacht werden können: in Sibirien, in der Sahara, im Inneren Brasiliens, in Australien und in Kanada. Dazu kommen die neuen technischen und die neuen chemischen Möglichkeiten. Die Wissenschaft kann mehr als nur Mordwerkzeuge herstellen! Alle Wissenschaft aber ist nichts anderes als der Versuch des Menschen, den Willen Gottes in der Natur zu erforschen! Auch die Geschichtswissenschaft. Und der Wille Gottes ist klar ausgedrückt in dem Wort: «Seid fruchtbar und vermehret euch ...» und nicht in der kläglichen Zwangslösung: verhindert die Befruchtung, damit ihr genug zu essen habt.

Wir haben eine reiche Erde geschenkt bekommen. Statt uns darüber zu besinnen, wie wir diesen Reichtum gründlich ausnützen können, haben wir uns gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Spüren wir nicht endlich, daß hinter und über und manchmal auch in der menschlichen Entwicklung, die wir Geschichte nennen, sich ein weiterer Einfluß bemerkbar macht, still und leise und doch so wirksam? Noch vor hundert, vor achtzig, vor fünfzig Jahren staken wir in einem engen materialistischen Tunnel. Die Periode hieß typischerweise das Zeitalter der Aufklärung. Und selbst Wissenschaftler brachten es fertig zu erklären: «Ich glaube nur, was ich sehe.»

Was tut Gott? Er läßt unsere Wissenschaftler Dinge entdecken, die sie nicht sehen können - das Atom und seine Elektronen, Protonen, Neutronen, Mesonen - und gerade diese unsichtbaren Dinge erweisen sich als die großen Träger der Energie! Gott, der Schöpfer des Alls, ist es, der alle Entdeckungen und Erfindungen gemacht hat. Langsam, langsam entdecken wir Seine Entdeckungen und erfinden wir Seine Erfindungen nach und sprechen dann von Newton's Fallgesetzen, als wäre Newton der Gesetzgeber. Es sind Gottes Gesetze, die Er sein Geschöpf Newton entdecken ließ ... Radar war bereits vor tausenden von Jahren in die Fledermäuse eingebaut, bevor wir es während des Zweiten Weltkrieges entdeckten. Vögel flogen, bevor es Menschen gab - nicht erst, bevor es ihnen der Mensch absah. Und Gottes Licht mit dreihunderttausend Kilometern in der Sekunde fliegt noch immer rascher als unsere Sputniks, Luniks, Explorers und Vanguards, die wir obendrein mit unseren von Gott erfundenen und geschaffenen Gehirnen und mit von Gott geschaffenem Material hergestellt haben.

Und Gott ist es, der auf Seine ureigene Art unsere Geschichte beeinflußt, und wer das nicht berücksichtigt, der macht wahrhaftig die Rechnung ohne den Wirt! In jüngster Zeit folgt eine Erfindung der anderen. Aber die größten und wichtigsten, weil lebensnotwendigsten, ließ uns Gott bereits in grauer Vorzeit finden: das Rad, die Rolle, den Hebel, die Winde, den Flaschenzug, das Schiff und den Gebrauch des Feuers.

Noch vor wenigen hundert Jahren glaubten wir, die Erde wäre der Mittelpunkt des Universums. Kopernikus, Galilei und andere revolutionierten dieses Weltbild. Die Erde war nur ein kleiner Planet, der sich um die Sonne bewegte. Der Mensch schien armselig und unwichtig zu werden. Er war entthront, wie sein Planet. Dann kam es noch schlimmer. Es stellte sich heraus, daß auch die Sonne, seine Sonne, nicht der Mittelpunkt des Universums war, sondern lediglich der Zentralstern eines kleinen Systems, das einen winzigen Teil der Milchstraße bildete. Und selbst diese Milchstraße war wieder nur eine unter Millionen anderer Milchstraßen. Wir wurden so jämmerlich klein, so völlig unbedeutend, daß viele von uns verstummten, wenn man uns sagte: «Wie kann sich Gott, wenn es Ihn überhaupt gibt, um die Menschen oder gar ein menschliches Einzelschicksal bekümmern? Wir sind ja winziger als Bazillen und Bakterien in diesem ungeheuren All!» Es war ein völliger Fehlschluß. Als ob es auf die großen Entfernungen ankäme! Als wenn die Wichtigkeit einer Sache von ihrer räumlichen Ausdehnung abhinge!

Was tat Gott? Er ließ uns wieder einmal in eines Seiner Geheimnisse Einblick nehmen. Wir durften entdecken, daß nicht nur das Universum ein Kosmos ist, sondern auch ... der Mensch. Und nun kommt's. Wenn man die Atome des menschlichen Körpers zählt, so erhält man eine Zahl mit achtundzwanzig Nullen. Und wenn man ausrechnet, um wieviel größer die Sonne ist als der Mensch, die Sonne, der Zentralstern seines kosmischen Systems, so erhält man eine Zahl mit achtundzwanzig Nullen. Es war der englische Astronom Sir Arthur Eddington, der diese Entdeckung machte. Wir sind also doch in der Mitte, der Schnittpunkt zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Und damit haben wir die ideale Situation, um sowohl den Makro­ wie den  Mikrokosmos zu erforschen.

Über die Art, wie Gott auf Seine Weise die menschliche Geschichte beeinflußt, sagt der Spanier: «Gott schreibt gerade - auf krummen Zeilen.» Wir sind die krummen Zeilen. Aber Gott tat mehr. Es gab eine Zeit - wir Menschen und mit uns die menschliche Geschichte müssen uns ja in der Zeit bewegen -, da Gott selbst in die menschliche Geschichte eintrat.

Und nun will ich Ihnen sagen, wie ich mich davon überzeugt habe. Seit vielen Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, geschichtliche Dinge auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das ist sehr notwendig. Denn Geschichtsforscher und Geschichtslehrer sind nur zu oft alles andere als objektiv. Sie sind es sogar oft dann nicht, wenn sie versuchen, es zu sein. So ist es für sie zum Beispiel bestimmt nicht leicht, dem eigenen Lande die Schuld an einem Kriege zuzusprechen! Man muß die verschiedenen Quellen und Berichte sorgfältig miteinander vergleichen. Man muß den Charakter, die persönliche Lage des Historikers in die Gleichung einsetzen - und den Geist der Zeitperiode, in welcher er schrieb.

Da taucht nun vor fast zweitausend Jahren eine historische Gestalt auf: der Gründer der christlichen Religion. Daß Er eine historische Gestalt ist, darüber gibt es heute keinen Zweifel mehr. Er wird nicht nur in den Evangelien, der Apostelgeschichte und den Apostelbriefen erwähnt, sondern auch in nichtchristlichen Quellen, wie Flavius Josephus, Tacitus und Suetonius. Versuche, Ihn als historische Gestalt abzuleugnen - wie etwa der von Drews - sind jämmerlich gescheitert. Man könnte ebensogut versuchen, zu behaupten, daß es Julius Caesar oder Karl den Großen nie gegeben habe. Der Gründer der christlichen Religion wird heute manchmal zusammen mit den Gründern anderer Religionen genannt, als handelte es sich hier um ebenbürtige Gestalten. Das ist eine glatte Unmöglichkeit. Denn Christus hat von sich selbst ausgesagt, Er sei Gott. Weder Moses noch Zoroaster, Buddha oder Mohammed haben das je von sich behauptet.

Damit ergab sich für mich ein klares Problem. Wenn diese Behauptung stimmte, dann mußte man Christ sein. Wenn sie nicht stimmte, dann durfte man es nicht sein.

Wie konnte ich nun die Wahrheit herausfinden?

Ich stamme von christlichen Eltern und bin als Christ aufgewachsen. Aber wenn ich auch nie ganz vom Glauben abkam, so hatte ich doch starke Zweifel und machte ziemlich umfangreiche Religionsstudien, die mich unter anderem auch nach Indien führten. Typischerweise kam meine Krise während des letzten Weltkrieges. Ich war damals britischer Offizier und in London stationiert, wo ich mehr als tausend Luftangriffe erlebte. Wenn man jahrelang täglich und nächtlich in Lebensgefahr ist, lernt man es, über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachzudenken. Man lernt auch ... das Beten.

Der Gründer der christlichen Religion behauptete von sich, er wäre Gott.  «Ich und  der Vater sind Eins.» «Wer Mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.» Und, besonders bezeichnend: «Wahrlich, lange bevor Abraham war, bin Ich.» Nicht ,war Ich.' ,BIN Ich.' Aber «Ich bin Der, Welcher Ist» war der Name, den Gott sich selbst im Alten Testament gab, als Moses Ihn auf dem Berge Sinai danach fragte. Und «Der Welcher Ist» war seitdem der Name Gottes bei den Juden. Wenn also Jesus von sich sagte: «Bevor Abraham war, bin Ich», dann bedeutete das «Ich bin Der, Welcher Ist». «Ich bin Gott.» Er sprach zu Juden, und zwar zu Pharisäern, also Gelehrten, die diese Bibelstelle sehr genau kannten.

Wenn nun ein Mensch von sich selber sagt «Ich bin Gott», dann gibt es mathematisch genau fünf Möglichkeiten. Erstens: der Mensch ist verrückt. Zweitens: der Mensch ist ein Verbrecher, der mir aus einem ganz bestimmten Motiv etwas vorlügt. Drittens: er hat es nicht wörtlich gemeint, sondern nur symbolisch. Etwa wie «In mir ist etwas Göttliches», oder «Gott spricht durch mich hindurch», etwa wie durch einen Propheten. Viertens: er hat es überhaupt nicht gesagt. Es ist nur von ihm behauptet worden, daß er es gesagt habe. Und fünftens und letztens: es stimmt. Und zu Anfang meiner Untersuchung mußte diese letzte Möglichkeit als bei weitem die unwahrscheinlichste erscheinen. Es kam also darauf an, diese Möglichkeiten genauestens zu untersuchen.

Also erstens: ein Verrückter. Es würde sich dann um den Typ des Megalomanen handeln, des Größenwahnsinnigen. Das ist ein wohlbekannter, klinischer Typ, und ein sehr langweiliger. Denn er redet unablässig von seiner fixen Idee, und zwar zu jedem, mit dem er in Berührung kommt. Es ist das einzige, was ihn interessiert. In dem Fall, den wir untersuchen, aber steht es genau umgekehrt. Christus spricht jahrelang überhaupt nicht davon. Erst kurz vor Seinem Tode fragt Er Seine Begleiter, wer sie glauben, daß Er sei; und als Petrus impulsiv losbricht: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes», erst da bestätigt Er es. Im übrigen, wenn ein Irrer der Welt diese Religion, diese Tiefe der Gedanken, die unausschöpfliche Weisheit geschenkt haben kann, dann wäre es bei weitem das Beste, was wir tun könnten, so rasch wie möglich selbst Irre zu werden!

Zweitens: er war ein Verbrecher, der versuchte, seine Mitmenschen zu einem ganz bestimmten Zwecke irrezuführen. Nun, ein Verbrecher muß ein Motiv haben. Er will entweder Reichtum oder Macht. Reichtum aber erschien Christus als ein Hindernis, nicht als etwas Begehrenswertes. Und Macht wurde Ihm auf der Silberschale angeboten, als man Ihn zum König machen wollte. Er entzog sich diesen Bemühungen. Sein Königreich, wie Er sagte, war nicht von dieser Welt. Zudem: auf einen Verbrecher paßte Seine Lehre, die Er selber lebte, schon gar nicht.

Drittens: er hat es nicht so gemeint. Nun, heute könnte ein Yoghi oder das Mitglied einer mystischen Sekte von sich sagen, er hätte das Göttliche in sich oder Gott spräche durch ihn. Aber Christus, soweit Er ein Mensch war, war Jude, und Er sprach zu Juden. Und nirgends ist die Trennung zwischen Gott und Mensch so scharf und klar wie gerade bei den Juden. Sich Gott oder göttlich zu nennen, war furchtbare Lästerung und wurde mit dem Tode bestraft. Ja, gerade deswegen ist Er ja vom Sanhedrin zum Tode verurteilt worden! Hätte Er es nur symbolisch oder in übertragenem Sinne gemeint, so hätte Er das auf klären und damit Sein Leben retten können. Er blieb aber bei Seiner Aussage. Das erledigt nicht nur die dritte, sondern auch die vierte Möglichkeit: Er muß es gesagt haben - und Er muß es auch so gemeint haben.

Und somit bleibt nur noch die fünfte, die zu Anfang unserer Untersuchung am wenig wahrscheinliche Möglichkeit übrig, daß Er wirklich war, was Er sagte, daß Er war: Gott.

Aber mit diesem Beweise habe ich mich nicht begnügt. Denn er stimmte nur, wenn die Berichte, die uns über das Leben Christi vorlagen, wahr waren. Konnte zum Beispiel das, was sie über die Auferstehung Christi schrieben, stimmen? Es gab einen scharfsinnigen, englischen Juristen, der ein Buch schrieb, in welchem er die Auferstehung als Gerichtsfall behandelte. Er setzte sich selbst zum Richter ein und prüfte alle Zeugen des Ereignisses auf ihre Glaubwürdigkeit. Er tat das, um sich und andere davon zu überzeugen, daß die Auferstehung nicht stattgefunden haben konnte, und mußte schließlich feststellen, daß sie stattgefunden haben mußte!

Ich griff das Problem von einer anderen Seite aus an. Wir haben es hier mit einer kleinen, religiösen Bewegung zu tun, die sich um eine einzige starke Persönlichkeit scharte. Die nächsten Anhänger waren brave, einfache Menschen, Fischer, Bauern, Zolleinnehmer. Sie waren auch nicht gerade allzu mutig. Als die zentrale Persönlichkeit verhaftet wird, traut sich nur einer, sie zu verteidigen. Und dieser eine verleugnet seinen Herrn wenige Stunden später ... aus Angst. Als Christus hingerichtet wird, hat wieder nur einer den Mut, dabei zu sein. Die anderen sitzen in Jerusalem hinter verschlossenen Türen und fürchten sich. Und nun ist Er tot und begraben.

Was geschieht in der Geschichte, wenn die zentrale Persönlichkeit einer Bewegung vom starken Arm des Staates oder dem auswärtiger Feinde ergriffen und hingerichtet wird? Es ist das Ende der Bewegung. Hitler ist tot? Plötzlich ist niemand jemals Nazi gewesen. Mussolini ist tot? Plötzlich war alles stets gegen den Faschismus.

Was geschieht hier? Sechs Wochen nach dem Tode Christi kommen dieselben Anhänger nach Jerusalem und predigen auf dem offenen Markt, daß sie den wiederauferstandenen Christus gesehen haben. Derselbe Petrus, der seinen Herrn verleugnete, als ihn eine Tempelmagd über ihn befragte, sagt nun dem gefürchtesten Mann in Jerusalem, dem Hohenpriester, auf den Kopf zu: «Du hast den Messias getötet!» Und die Apostel predigen die Gottheit Christi und seine Auferstehung für den Rest ihres Lebens, sie lassen sich dafür martern, sie sterben dafür.
Was hat sie so plötzlich zu Helden gemacht? Woher kommt dieser ungeheuere, psychologische Umschwung? Ja, wenn sie Ihn gesehen haben, wie sie es behaupten, dann ist es klar. Aber wenn nicht - dann ist ihre Haltung, ihre historische Haltung, völlig unbegreiflich. Eine Halluzination? Sechs Wochen lang, täglich? Elf Menschen ? Einen solchen klinischen Fall von Halluzination gibt es nicht.

Die letzte Frage, die sich erhob, war: waren die Evangelien in ihrer Gesamtheit zuverlässig. Schließlich wurden sie ja erst Jahre nach dem Tode Christi aufgezeichnet. Aber kein Buch der Welt ist so genau, mit so viel Liebe und mit so viel Haß untersucht worden wie das Neue Testament. Es gab immer Feinde genug, die es nicht wahrhaben wollten, und sie haben sich heiß bemüht, die Evangelien auf Unstimmigkeiten oder womöglich gar Fälschungen zu ertappen. Es ging nicht. Auch hier versuchte ich, von einer neuen Seite vorzustoßen. Und es wurde mir sehr rasch klar, daß die Autoren des Neuen Testaments die Gestalt Christi weder erfunden haben noch Ihm Worte in den Mund gelegt haben konnten, die Er nicht gesprochen hat. Und zwar schon deshalb - bei allem Respekt -, weil sie vom Literarischen und Philosophischen her gar nicht groß genug waren, eine solche Gestalt zu erdenken und sie solche Dinge sagen zu lassen. Das gibt wohl auch der letzte Atheist zu, daß die Worte Christi eine literarische Schönheit, Tiefe und Eigenart haben, die von niemand anderem je erreicht worden ist.

Als ich zu allen diesen Ergebnissen kam, wußte ich, daß mich die Geschichte das Wichtigste gelehrt hatte, was sie überhaupt enthielt. Und nun wußte ich auch, in wessen Dienst ich mich als Schriftsteller zu stellen hatte. So schrieb ich denn über die wahrhaft großen Männer und Frauen unserer christlichen Welt und ihre Taten und Abenteuer, an deren Spannung kein Detektivroman heranreichen kann. Wahre Abenteuer und wahre Taten im Dienste der größten aller geschichtlichen Persönlichkeiten, desjenigen, von dem ich mit tiefster, innerer Sicherheit weiß: Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.







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