Weihnachtsgeschichten
Stefan Fleischer

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Das Kreuz im Schnee

Eine weichnachtliche Berufung

Weihnacht 2014

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Woche





Es war eigentlich eine ganz normale Weihnacht, Weihnachtskarten, Geschenke, Familienfeier, „o Tannenbaum“, Mitternachtsmesse uns so. Und doch. Auf dem Weg durch die verschneite Landschaft, vom etwas abseits gelegenen Hof zur Kirche, in der mondhellen Nacht, unter dem Sternenhimmel, da stand plötzlich dieses Kreuz. Natürlich stand es nicht plötzlich da, sondern schon Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, an dieser Wegkreuzung. Aber Theodor Junior sah es das erste Mal so richtig. Glänzend weisser Schnee lag auf dem verwitterten Granit. Auch der Korpus trug eine Schneemütze über der Dornenkrone. Das Antlitz des Gekreuzigten hatte die aufkommende, leichte Biese rein gefegt, und die steinernen Augen schauten Theodor gera¬dewegs in Herz, wie es ihm schien.

Der feierliche Gottesdienst, die vielen bekannten Gesichter, die es nachher zu begrüssen gab und der Glühwein im Pfarrsaal liessen ihn all das wieder vergessen, wenigstens bis zum nächsten Tag. Den Gottesdienst am Morgen hatte er verschlafen. Das Mittagessen hatte ihm geschmeckt, wie immer, wenn Mutter ein Festmahl kochte. Der Wein hatte ihn ein wenig müde gemacht. Und so entschied er sich zu einem Spaziergang an der frischen Luft, bevor er wieder in den Stall zu seinen Kühen musste. Das Wetter war trüber geworden, die Biese stärker. Theodor senkte den Kopf und stampfe eher missmutig durch den Schnee. Doch plötzlich leuchtete kurz die Sonne zwischen zwei Wolken auf. Und da stand wieder dieses Kreuz vor ihm. Und wieder blickte ihn der Gekreuzigte eindringlich an, wie es ihm schien.

Zurück zu Hause brüllten schon die Kühe nach ihrem Futter. Der Vater sass auf seinem Melkschemel bei der ers¬ten. Innen über der Stalltüre hing ein kleines, schlichtes Holzkreuz. Theodor Junior stand da und betrachtete es lange. „Ja“ sagte plötzlich der Vater „dieses Kreuz, das hängt nun schon viele Jahre hier. Es war auch an Weihnachten, als ein Ururonkel von dir, der damals Pfarrer in unserem Dorf war, nach einem Versehgang im Schneesturm an der Stall¬türe hier zusammen brach und starb. Er war nicht mehr der Jüngste und die Arbeit in unserer grossen Gemeinde hatte in aufgerieben. In der Mitternachtsmesse in der kalten Kirche hatte er sich wohl eine Lungenentzündung geholt. Und trotzdem war er sofort mitgegangen, als man ihn zum Lin¬denbauer rief, den der Stier angegriffen und schwer verletzt hatte. „Ich muss ihm doch das Christkind bringen, wenn er nicht gekommen ist, es zu holen, in dieser Heiligen Nacht“ soll er gesagt haben. Dieses Kreuz trug er immer über seine Soutane, wenn er einen Versehgang machte. Mein Urgrossvater hat es dann hier angebracht.“

„Vater, ich möchte Priester werden.“ Theodor Junior wusste selber nicht, weshalb er das sagte. Natürlich hatte er auch schon daran gedacht. Aber eigentlich war sein Wunsch immer gewesen, den Hof zu übernehmen, zu modernisieren, ein tüchtiger und angesehener Bauer zu werden. Doch den Hof konnte er eigentlich auch seinem jüngeren Bruder überlassen. Für zwei war er ja doch zu klein, und Franz war mit Leib und Seele Bauer. Dieser Blick des Gekreuzigten hatte alles klar gemacht. Plötzlich war er bereit, den Menschen das Christkind zu bringen, besonders jenen, die es nicht selber holen kamen. Dass ihn so auch das Kreuz  nie mehr loslassen würde, das war ihm auch klar.



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