Weihnachtsgeschichten
Stefan Fleischer

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Der Tag danach

Weihnacht 2017
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Sem, der Oberhirte, hatte nur „Nein“ gesagt, als ihn die Hirten nach dem Besuch beim Kind im Stall zu Bethlehem fragten, ob man nicht noch ein paar Tage hier bleiben könnte. Der Weiterzug war längst beschlossene Sache. Das Futter auf dieser Weide begann spärlicher zu werden. Einen neuen Platz, zwei Tagesmärsche von hier, hatte man schon gefunden. In zwei bis drei Monate wollte man hierher zurückkommen. Inzwischen sollte sich das Land erholen.

So begann dann anderntags, am frühen Morgen nach der kurzen Nacht, der Aufbruch. Die Zelte wurden abgebrochen und, wie auch die Geräte und Vorräte, auf die Esel verladen, die Lagerfeuer gelöscht und mit Erde zugedeckt, die Herde zusammen getrieben. Das war reine Routine. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Alles verlief ruhig, ohne unnötige Hast, aber zügig. Dann gab Sem das Zeichen zum Aufbruch und der Zug setzte sich in Bewegung. Doch manch ein Blick wandte sich unterwegs noch einmal zurück zum Stall, manch ein Gedanke zurück zu den Ereignissen der letzten Nacht.

Hirten politisieren nicht. Sie wissen, dass auch ein neuer König für sie, in ihrem Leben, nicht viel ändern würde. Und das wäre erst noch frühestens in zwanzig bis dreissig Jahren der Fall. Sie kümmern sich auch nicht um theologische Spekulationen und Streitigkeiten. Das überliessen sie gerne den Pharisäern und Schriftgelehrten. Sie hatten andere Sorgen. Und doch hatten sie gespürt, dass bei diesem Kind alles anders war als sonst. Aber was? Um darüber zu reden, dazu fanden sie keine Worte. Also mache einfach jeder seine Pflicht. Doch es war ungewöhnlich ruhig und still auf diesem Weg. Selbst die Tiere, die Schafe wie die Hunde, schienen sich ruhiger zu verhalten als sonst.

Auch Thomas, der Junghirte, was stiller als sonst. Eigentlich stammte er aus gutem Hause. Doch seine Eltern waren vor kurzem gestorben und sein Onkel, dem diese Herde gehörte, hatte ihn Sem anvertraut. Das würde ihn auf andere Gedanken bringen. Ja, er hatte andere Gedanken an diesem Tag. Seine Eltern hatten viel in der Schrift gelesen und vorgelesen. Sie waren auch jeden Sabbat in die Synagoge gegangen und hatten ihn, sobald er alt genug war, mitgenommen. Sie erwarteten den versprochenen Erlöser. Sie waren nur nicht einer Meinung, welcher Art dieser Messias denn sein werde. Vater träumte von einem neuen König wie David einer war, einer der das Volk einen und die Römer vertreiben würde. Mutter lächelte immer nur, wenn er sich wieder einmal ereiferte. Sie sagte dann meist: „Und dann, wäre dann alles besser als heute? Würden wir dann nicht einfach dem König statt dem Kaiser Steuern bezahlen? Blieben die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht auch dann weiterhin die grauen Eminenzen im Hintergrund, welche die Fäden in der Hand hielten und es sich zu Lasten des Volkes gut gehen liessen?“ Dann brummte der Vater meist irgendetwas und ging an seine Arbeit.

Bei solchen Gesprächen erinnerte sich Thomas oft an Jesaia (42,3) „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht / und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; / ja, er bringt wirklich das Recht.“ Auch heute liess ihn dieser Text nicht los. Vater würde die Geschichte von diesem Kind armer Leute in einem schon beinahe baufälligen Stall, von dem Engel sagten, dies sei der versprochene Retter, wohl kaum glauben. Und Mutter? Sie würde wohl einfach wieder lächeln: „Armer kleiner Thomas. Du bist und bleibst ein Träumer mit einer blühenden Fantasie.“ Aber es war keine Fantasie. Die anderen hatten das alles auch gesehen und gehört. Und dann diese Gefühl beim Anblick des Kindes. Je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher merkte er, dass es jetzt einfach darum ging, zu glauben. Irgendeinmal, später, würde er verstehen. Dessen war er sich sicher. Das aber durfte er den Anderen nicht sagen. Sie würden ihn auslachen, wie immer, wenn er so ganz anders dachte und reagierte als sie.

Am Abend, als er beim Lagerfeuer die Wache zu halten hatte, begann er wie schon oft zu beten. Es war Psalm 130, der ihm heute in den Sinn kam: „Ja, er wird Israel erlösen / von all seinen Sünden.“ Da merkte plötzlich, hier war der Schlüssel zum Ganzen. Als er dies viele, viele Jahre später, den Aposteln, denen er sich angeschlossen hatte, erzählte, da lachten sie ihn nicht aus wie er befürchtet hatten. Und einer sagte zu ihm: „Selig bist du, weil du geglaubt hast, was der Herr dir sagen liess.“



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