Weihnachtsgeschichten
Stefan Fleischer

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Der verirrte Samichlaus

  2019
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 Es war nun nicht gerade Samichlauswetter an diesem 6. Dezember. Von Schnee keine Spur. Dafür lagen dichte, nasse Nebelschwaden schon den ganzen Tag über der Landschaft, die sich nun immer mehr ins Dunkel der Nacht hüllte. Trotzdem nahm der Samichlaus seine Laterne und den Sack, schlüpfe in seine Uniform und machte sich auf den Weg. Für diesen Abend hatte er nur einen Besuch auf dem Programm. Die Leistungen der Samichläuse werden auch immer weniger gefragt und die direkte und indirekte Konkurrenz immer grösser. Den Hof hinter dem Wald kannte er schon seit vielen Jahren und die Zwillinge dort, die Nachzügler, eigentlich von der Wiege an. Ihre drei Schwestern waren schon längere Zeit aus dem Alter heraus, da seine Dienste bei Ihnen noch gefragt gewesen wären. Bei den beiden Bengeln würde es nun wohl auch bald das letzte Mal sein.

Nun stapfte der Samichlaus durch den dunklen Wald und hing seinen Gedanken nach. Eigentlich machte diese Arbeit längst nicht mehr den gleichen Spass wie früher. Damals waren die Buben noch echte Lausbuben und die Mädchen schüchterner und die besseren Schauspielerinnen. Damals durfte man auch einmal deutsch und deutlich reden, wenn es nötig war. Und Dankbarkeit war noch kein so rarer Begriff wie heute.

Der Weg zog sich dahin. Der Samichlaus schaute auf seine Uhr. Eigentlich sollte er schon bald dort sein. Aber irgendwie schien etwas nicht zu stimmen. Schlussendlich wurde die Vermutung zur Gewissheit: Er hatte sich verirrt. An der nächsten Verzweigung blieb er stehen. Da hörte er plötzlich eine Kirchenuhr schlagen. Es schien ihm das Vernünftigste diesem Klang zu folgen. Und es dauerte nicht lange, so schimmerten die hell beleuchteten Fenster eines Dorfes durch den sich lichtenden Wald. Der Kirchturm mit den farbigen Ziegeln war unverkennbar. Es war Sommeri, gut zehn Kilometer von seinem Ziel entfernt.

Als er an der erstbesten Türe läutete, öffnete eine hübsche junge Frau, die noch an ihrer Bluse nestelte und sah ihn verblüfft an. «Wer ist da?» ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. «Der Samichlaus! Der wird Dir gleich einmal die Leviten lesen, Du Schlingel!» rief die Frau zurück. Hinter ihr erschien ein junger Mann mit lachendem Gesicht, aber ebenfalls offensichtlich überrascht. «Dazu habe ich leider keine Zeit.» erklärte der Samichlaus. «Ich sollte eigentlich in zehn Minuten in Hefenhofen sein. Aber ich habe mich verlaufen. Nun wollte ich fragen, ob Sie mir vielleicht ein Taxi organisieren könnten.» «Kein Problem, ich fahre Sie schnell hin.» sagte der Mann. Und schalkhaft fügte er hinzu: «Wenn mein Schatz es erlaubt natürlich!»

Bald darauf waren die beiden unterwegs. «Ein Samichlaus hat natürlich noch kein Natel.» spottete der junge Mann, der sich als Anton vorgestellt hatte. «Wohin soll es denn genau gehen?» fragte er weiter und schaltete das Navi ein. Der Samichlaus nannte den Namen des Hofes. Der andere tippte etwas auf dem Gerät. «Okay, das ist hier. Da können wir die Abkürzung da nehmen.» Und er zeigte auf den kleinen Bildschirm.

Als sich Anton ein paar Schritte vor dem Hof verabschiedete, gab er dem Samichlaus noch seine Visitenkarte. «Das war jetzt eine tolle Samichlausüberraschung. Besuchen Sie uns doch einmal, wenn Sie wieder Zeit haben.» «Gerne» war die Antwort. «Aber eine Visitenkarte hat der Samichlaus natürlich auch noch nicht.» Es sollte daraus eine Freundschaft für viele Jahre werden.

Der Besuch auf dem Hof lief dann irgendwie erwartungsgemäss ab. «Stellt endlich den Computer ab!» musste die Mutter noch mahnen. Am Schluss war wohl allen klar, dass das für längere Zeit der letzte Samichlausbesuch auf diesem Hof gewesen war.

Die Heimfahrt im Tesla des Bauern verlief ziemlich still. Nur einmal sagte der Samichlaus noch, mehr zu sich selbst als zu seinem Fahrer: «Nun bin wohl auch ich endgültig in der modernen Zeit angelangt, bei Smartphone, Navi, Computer und so. Höchste Zeit, dass ich in Pension gehe.»

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