Weihnachtsgeschichten
Stefan Fleischer

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Der gute Hirte 

Weihnacht 2019
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Wie jedes Jahr seit jener Nacht, als sie sich wieder auf dieser Weide bei Bethlehem getroffen hatten, dort wo ihnen, zwölf Jahre zuvor, die Engel den Messias angekündigt hatten, sassen auch heute wieder Levi, der Oberhirte und Simon, sein Kollege aus jenen Zeiten, am Lagerfeuer bei der Herde. Diesmal aber war die Stimmung irgendwie bedrückt. Im Morgengrauen waren Wölfe in die Herde eingedrungen und hatten drei Schafe gerissen bevor die Hirten sie vertreiben konnten. Die Herde wurde auseinander gesprengt. Und trotz allem Suchen fehlte immer noch eines der Tiere.

Es war wieder einmal eine sternenklare, etwas kühle Nacht. Die Schafe und die Hunde schliefen, die übrigen Hirten auch. Das klein gehaltene Feuer verbreitete eine angenehme Wärme, wenn man sich in der Nähe aufhielt. Doch das Gespräch stockte immer wieder. Zum einen drehte es sich natürlich um den Verlust. Was wollte man dazu schon sagen. Zum anderen gab es auch kaum Neuigkeiten über den erwarteten Messias. Es hiess zwar, seit einiger Zeit wäre ein Wanderprediger namens Jesus unterwegs. Aber diese stamme aus Nazareth, nicht aus Bethlehem. Er heile Kranke und predige Liebe. Er spreche auch von Himmel und Hölle und dergleichen. Aber von der Wiederherstellung des Reiches Israel sei nicht die Rede. Und besonders, als ihn das Volk nach einer wunderbaren Brotvermehrung zum König machen wollte, da sei er einfach verschwunden. Einmal hätte er auch davon gesprochen, dass nicht Moses dem Volk Gottes das Brot von Himmel gegeben habe, sondern dass er dieses Brot gebe. Sein Fleisch sei diese Speise. Wer davon esse werde in Ewigkeit leben. Daraufhin hätten ihn viele seiner Jünger verlassen.

«Und doch» meinte jetzt Simon «ich habe ihn selbst einmal gehört. Da sprach er nochmals ganz anders. Da sagte er, er sei der gute Hirte, der sein Leben hingebe für seine Schafe. Er sei nicht wie die bezahlten Knechte, denen nichts an den Schafen liege. Er kenne die Seinen und die Seinen würden ihn kennen. Und dann sagte er noch, der Vater würde ihn kennen und er würde den Vater kennen. Einige behaupteten dann, er spräche von Gott als seinem Vater. Das aber wäre doch eine Gotteslästerung. Andere wiederum behaupteten, er sei von einem unreinen Geist besessen.»

Nun aber wurden plötzlich die Hunde unruhig. Weit hinten, wo der Weg hinter dem Hügel hervorkam sah man eine Gestalt daherkommen und neben ihr etwas Weisses, ein Schaf, wie es immer deutlicher wurde. Dieses wich nicht von seinen Füssen und trottete immer genau neben der Gestalt einher, einem Mann, wie es immer deutlich wurde. Nun war dieser bei den beiden angekommen und sie begrüssten sich. Dann sagte er: «Ich bin hier in der Gegend mit meinen Jüngern unterwegs. Da hörten wir dieses Schaf. Ich dachte mir, es gehört sicher zu dieser Herde hier. Ich will es zurückbringen. Sicher spürte es, dass auch ich ein Hirte bin. Es folgte mir willig. Hier ist es. Ach ja, es liegt ja bereits wieder bei den anderen. Also gehört es hierher. Auf Wiedersehen. Friede sei mit Euch.» Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit.

In der Herde war es nun wieder ruhig. Die anderen Hirten hatten nichts bemerkt und schliefen fest. Levi und Simon standen da wie gelähmt. Erst nach einer Weile sagte dann Simon leise: «Das war er!» Schweigend setzten sie sich wieder ans Feuer. Es war ihnen wie damals, als die Engel wieder in der Dunkelheit verschwunden waren. Plötzlich sagte Simon: «Ich will ihm folgen. Gute Nacht, Levi.» stand auf und ging. Levi aber wusste, er hatte hier seine Herde. Das war seine Aufgabe, sein Weg jenem Hirten nachzufolgen. Lange noch sass er da und dache nach. Dann legte er sich nieder. Morgen würde wieder ein strenger Tag.

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