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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wer abgespeist wird, bleibt hungrig.

Verkündigung

03. Dezember 2015

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Wider jeden gesunden Menschenverstand führte eine Bank meine Überweisung an ein renommiertes schweizerisches Hilfswerk mit dem Verwendungszweck „Syrien“ nicht aus. Auf meine Reklamation hin speiste man mich mit dem Verweis auf regulatorische Vorschriften im Zusammenhang mit Zahlungen an sanktionierte Länder ab und dann „selbstverständlich“ mit dem Hinweis auf den Computer. Ich schluckte meinen Ärger herunter und überwies den Betrag nochmals, einfach mit dem Zahlungsgrund: „gemäss Telefon mit Herrn …“. Daran fand der Computer dann nichts verdächtiges mehr.

Dann aber überlegte ich mir: Jemanden abspeisen. Der Begriff ist etwas aus der Mode gekommen. Aber er ist immer noch äusserst interessant und vielfältig. Abspeisen kann man, wie das Beispiel zeigt, mit billigen Entschuldigungen oder mit dem Abwimmeln der Verantwortung auf andere. Jemanden abspeisen, das wird in dieser Weihnachtszeit wohl wieder vielfach praktiziert werden, indem man mit Geschenken und schönen Grusskarten einsame Menschen zu trösten versucht, an die man das ganze Jahr über kaum je gedacht hat. Jemanden abspeisen kann man auch mit billigen Bibel- und anderen Sprüchen, wo dieser ein persönliches Problem hat. Man könnte die Liste beliebig verlängern.

Die Menschen abzuspeisen, das geschieht aber leider heute auch innerhalb unserer Kirche, indem die Verkündigung oberflächlich bleibt, den tiefen Grund unserer christlichen Hoffnung, unsere Erlösung durch Kreuz und Auferstehung unseres Herrn, ausklammert und eine „Vertröstung auf das Diesseits“ betreibt. Auch die vielerorts praktizierten Bussfeiern können eine solche Art der Abspeisung der Gläubigen sein, wenn sie – bewusst oder unbewusst – zum bequemen Ersatz des Bussakramentes werden. Und besonders tragisch wird es, wenn man aus der realen Gegenwart unseres Herrn unter den Gestalten von Brot und Wein – und sei es nur aus Gedankenlosigkeit - ein reines Symbol für eine mehr oder weniger undefinierbare Gegenwart dieses Jesus unter uns macht.

„Wer abgespeist wird, bleibt hungrig“ Diesen Aphorismus veröffentlichte kürzlich der Kapuzinerpater Walter Ludin auf www.aphorismen.de. Wie Recht er hat; nicht zuletzt auch im religiösen Bereich. Wo die Menschen mit schönen Ritualen, mit Zeichen und Symbolen und mit gelehrten Worten statt mit dem Brot der gesunden Lehre abgespeist werden, da bleiben sie hungrig. Dann aber werden sie je länger je mehr geistig verhungern und unsere Kirche mit Ihnen.


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