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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Alles meinem Gott zu Ehren

Der verwitterte Wegweiser
 
04. November 2020

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In meiner Jugendzeit gab es ein Lied, das wir eigentlich noch gerne gesungen haben: «Alles meinem Gott zu Ehren». Dieses ist heute weitgehend aus dem Repertoire verschwunden. Im Gotteslob findet es sich noch (Nr. 455), aber in einer neuen, ökumenischen Fassung. Darin fehlt logischerweise jeder Hinweis auf Maria etc. Schade. So ist es nicht mehr jenes tief katholische (den ganzen Glauben umfassende) Lied, welches auch heute noch ein tragendes Element unserer Verkündigung sein könnte.

Auch ich hatte es lange Zeit vergessen, bis mir die alte Fassung wieder einmal in die Finger kam. Je mehr ich es betrachte, desto mehr drängt sich mir der Gedanken auf, dass dieses Lied auch eine Hilfe, ein Wegweiser, durch mein Glaubensleben, in meiner Gottesbeziehung sein will. In unserer heutigen Kirche ist dieser Wegweiser – um beim Bild zu bleiben – sehr verwittert, von allerlei Gebüsch überwuchert, zum Teil fast nicht mehr erkenntlich. Meines Erachtens hätte er eine gründliche Generalrevision nötig.

Zum ersten müsste einmal wieder der ganze, ursprüngliche Text ins Licht gerückt werden. Es liegt darin ein Glaubensschatz, den wir nicht in den Abfalleimer «nicht mehr zeitgemäss!» entsorgen dürfen, ohne unseren Glauben auf einen, irgendwie auch noch christlichen, Einheitsbrei zu verwässern. Ohne Maria, den Heiligen Joseph, den Schutzengel und alle Heiligen – welchen die vier folgenden Strophen gewidmet sind – laufen wir Gefahr, dass auch unser letztes und alles entscheidende Ziel, die ewige Heimat bei Gott, in unserem Bewusstsein immer mehr verblasst und schlussendlich verschwindet.

Der meiner Meinung wichtigste Satz dieses Liedes aber ist der Erste: «Alles meinem Gott zu Ehren!» Stellen wir uns einmal vor, wir würden tatsächlich nach diesem Motto leben, und zwar im Alltag, in all unserem Tun und Lassen, in allen Entscheiden und dann natürlich auch in der Gestaltung unseres Gebetslebens, unserer Gottesdienste, in all unseren Beziehungen und logischerweise auch unserer Gottesbeziehung. Das wäre «Hohe Schule» der Heiligkeit. Und das wäre auch ein Riesenschritt auf dem Weg zu einer besseren Welt, in unserer nächsten Umgebung zuerst, und dadurch bis an die Grenzen der Erde.

Lassen wir uns also nicht abschrecken. Jeder auch noch so begeisterte Fussballjunior weiss, dass die Superliga ein Ziel ist, das noch in weiter Ferne liegt, sofern überhaupt eine reelle Chance dafür besteht. Und wie viele haben nicht schon aufgegeben, weil sie sich ein zu hohes, beziehungsweise keine realistischen Zwischenziele gesetzt haben. Das ist in unserer Gottesbeziehung irgendwie ähnlich. Die Heiligkeit jener, welche es bis zu den Ehren der Altäre gebracht haben, ist für uns Anfänger noch in weiter Ferne. Ob wir es je erreichen ist sehr fraglich. Wahrscheinlich müsste sogar ein Wunder geschehen. Aber uns bemühen, das allein schon schenkt uns ein erfülltes Leben, das uns sonst niemand und nichts zu schenken vermag. «Meinem Gott allein will geben / Leib und Seel', mein ganzes Leben / Gib, o Jesu, Gnad' dazu.» erinnert uns daran, dass wir dies einfach einmal wollen müssen einerseits, dass dies aber auch zuerst Gnade ist, ein Geschenk Gottes, um das wir bitten dürfen und sollen.

Hingabe an Gott! Das ist ein grosses Wort. Es gibt aber eine einfache «Übersetzung» dafür: «Verzicht auf den eigenen Egozentrismus.» «Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!» sagte Papst Johannes XXIII (wenn ich mich nicht irre). «Alles meinem Gott zu Ehren» ist doch genau das. Es ist – auch vor Gott - nicht so wichtig, wer ich geworden bin, was ich alles erreicht habe. Das gilt im «zivilen» wie im religiösen Bereich. Entscheidend ist und bleibt, ob und wie ich mich bemüht habe. Und mitscheidend ist, ob und wie ich all die Hilfen annehme, welche mir Gott immer und immer wieder bereit stellt. Dazu gehört sicher Maria, die Mutter unseres Herrn und Ihre Fürbitte. Der Gedanke an sie, die Beziehung zu ihr ist meist viel nützlicher als viele hochpsychologischen und/oder -theologischen Gedankengänge.

Und welchen Trost und oft auch welch handgreifliche Hilfe haben nicht schon so viele erfahren – und erfahren es heute noch – welche sich kindlich an den heiligen Joseph wandten oder an den Schutzengel. Ungläubige werden es Selbsthypnose nennen. Lassen wir uns dadurch nicht all dessen berauben, was sich im Leben so vieler Heiliger als äusserst hilfreich und beglückend erwies.

Überhaupt. «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder», wenn wir unseren Verstand und unser Herz mit allem Möglichen an Sorgen, Problemen und Fragen belasten, welche uns nur vom alles Entscheidenden ablenken, der Liebe zu Gott, machen wir unserer Weg durch diese Welt nur unnötig schwer. Versuchen wir es doch einfach einmal damit in jeder Situation uns daran erinnern: «Alles meinem Gott zu Ehren.»



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