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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Eine andere Kirche (2)

Ein anderer Glaube
 
15. März 2021

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In einer Einladung zur Neuentdeckung des Kreuzwegs, jener Andachtsform, welche in meiner Jugend noch sehr gepflegt wurde und seinen Ausdruck in den Kreuzwegstationen in den Kirchen oder auch am Wegrand fanden, wurde zuerst einmal kurz die Entstehung dieser Frömmigkeitsform dargelegt. Dann hiess es weiter: «Die Menschen wollten sich aber nicht nur eine teure Reise (ins Heilige Land) ersparen, sondern vor allem einen einfachen und alltäglichen Zugang zur Betrachtung des Leidens Jesu haben. Denn viele vom Leid bedrückte Menschen fanden darin Halt, dass sie sehen und nachvollziehen konnten, dass selbst Jesus, der Sohn Gottes, gelitten hatte. So könne das betende Betrachten des Kreuzweges eine Brücke bauen zwischen der Situation Jesu und der des Betrachtenden sein. Denn der Inhalt der Stationen "ist irgendwie zeitlos und einfach übertragbar"».

«So bitte ich Dich, hilf mir durch die Betrachtung Deines heiligen Leidens meine Sünden und Schuld immer besser zu erkennen, immer tiefer zu bereuen, und mich immer mehr zu bemühen, sie zu meiden.» So steht es im Eingangsgebet einer Kreuzwegbetrachtung, welche ich immer noch gerne benutze. Diese ist noch sehr geprägt von jener im alten «Laudate», dem Gesang- und Gebetbuch des Bistums Basel von 1941. Der Hauptakzent lieg dort beim Gedanken an den Kreuzestod unseres Herrn zu unserer Erlösung aus Sünde und Schuld und an unsere eigene Umkehr. Im «Katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz» (1998) hat sich der Schwerpunkt bereits weitgehend auf das Leid von uns Menschen hin verschoben. In der ersten der beiden Varianten dort ist zwar das Eingangsgebet zu jeder Station noch ziemlich gut erhalten: «Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und preisen dich, denn durch dein Kreuz und die Auferstehung hast du die Welt erlöst.» (Im alten «Laudate» hiess es noch: «Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und sagen Dir Dank, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst.») In der zweiten, vermutlich neueren Variante ist diese Anrufung ersetzt durch: «Jesus Christus, du gehst durch Leiden und Tod. Lass uns mir dir auferstehen.» Und heute scheint – wenn wir obige Beschreibung nehmen - der Sinn dieser Frömmigkeitsübung darin zu bestehen, dass wir, die vom Leid bedrückte Menschen, darin Halt finden.

Eine solche Entwicklung kann man in vielen Fragen unseres Glaubens beobachten. Statt einfach veraltete Begriffe, wie z.B. «Weib» welcher inzwischen eher abwertend geworden war, gleichbedeutend zu ersetzen, werden neue Formulierungen eingesetzt, welche ganz andere Akzente setzen, wichtige Aspekte weglassen und neue, zum Irrtum verleitende, einführen. Das führt dann zu einer schleichenden Änderung der Lehre, ohne dass man gravierende theologische Fehler nachweisen könnte. Die heute sich ausbreitende Unfähigkeit, vernetzt zu denken, immer das Ganze im Auge zu behalten, wenn man sich um Details kümmert, trägt ebenfalls wesentlich dazu bei. Und wenn man einmal in dieses Fahrwasser geraten ist wird es schwierig wieder auszusteigen, weil man dabei riskiert das Gesicht zu verlieren. Typisch dafür ist meines Erachtens die Befreiungstheologie, welche einen Mangel an «Bodenhaftung» in unserem Leben aus dem Glauben meinte korrigieren zu müssen, damit dann aber einen Mangel an Transzendenz herauf beschwor, was schliesslich zum Paradigmawechsel von gottzentriert zu menschzentriert führte.

Gut gemeint ist eben längst nicht immer gut. Die Wahrheit so zu formulieren, dass sie von der Welt von heute verstanden, und dabei zu vermeiden, dass sie dabei, selbst wenn auch nur leicht, verändert wird, ist eine grosse Kunst, besonders wenn die «Übersetzer» selbst nicht absolut sattelfest sind, was die Lehre begrifft. Solche Änderungen haben die Tendenz immer weitere Änderungen «nötig» zu machen. Am Ende steht dann nicht nur eine neue, zeitgemässere Sprache, sondern eine andere, neue Kirche mit einem anderen, neuen Glauben.


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