Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Eine arme Kirche für die Armen

  Phil 4,12
Selig, die arm sind vor Gott

17. November 2018
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Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.

"Gerechtigkeit ist, wenn es keine Armut mehr gibt" lautete die Antwort, als ich in einer Diskussion die Frage stellte, was denn Gerechtigkeit eigentlich sei. Die Rückfrage, was denn Armut sei, konnte mein Gesprächspartner dann auch nicht genau beantworten. Doch an dieser Definition hängt nicht nur das richtige Verständnis der obigen paulinischen Aussage, sondern auch der Stelle in den Seligpreisungen: "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich." (Mt 5,3)

Bleiben wir einmal bei Paulus. Von Armut ist hier zwar nicht die Rede, aber von Entbehrung und Hunger. Auch von Reichtum spricht Paulus nicht, wohl aber von Sattsein und Überfluss. Wenn in unserer heutigen Verkündigung von Armut die Rede ist, so meint dies meist, was Paulus hier anspricht, Entbehrung, Hunger und dergleichen. Aber Paulus beklagt sich nicht über die Perioden einer solchen Armut, welche er erleben musste, noch klopft er sich an die Brust wegen jener Zeiten, in welchen er sozusagen "wie die Made im Speck" leben durfte. Und auch eine Verurteilung der Reichen findet sich hier nicht. Entweder hat also Paulus die Seligpreisungen falsch verstanden, oder eine nicht geringe Anzahl Prediger heute.

Was ist also Armut im christlichen Sinn? Eine provokative Antwort habe ich jüngst gefunden: "Christliche Armut kennt keinen Neid!" Sie zeigt sehr deutlich, dass die Armut der Seligpreisungen nicht vom Geldbeutel und von Bankkonto abhängt, also herzlich wenig mit materieller Armut zu tun hat. Christliche Armut ist eine Frage der Einstellung, eine innere Haltung, ich würde sogar sagen eine Tugend. Nicht umsonst gehört sie auch heute noch zu allen Ordensgelübden, auch dort, wo die Ordensleute materiell recht gut versorgt sind. Daraus ist zu schliessen, dass auch für eine arme Kirche nicht die Bilanzwerte massgebend sind. Doch hier in die Details zu gehen würde ganze Bücher füllen.

Soll die Kirche nun deswegen die materiell Armen vernachlässigen? Sicher nicht. Dazu gibt es viel zu viele Stellen der Schrift, welche die entscheidende Wichtigkeit der tätigen Nächstenliebe für uns Jünger des Herrn betonen. Aber auch hier ist alles eine Frage der Einstellung. Auch hier braucht es die Tugend der Armut. Unsere Hilfe an die Armen, Notleidenden und Unterdrückten muss Ausdruck unserer eigenen "Armut im Geiste" (oder "Armut vor Gott" wie andere Übersetzungen lauten) sein. Dies hier im Detail auszubreiten würde genauso zu weit führen. Dies zum einen.

Zum anderen darf diese Nächstenliebe aber nicht dazu führen, dass wir jene andere Armut vergessen, welche genauso wenig vom materiellen Wohlstand abhängig ist, ja, welche unter uns "Reichen" sogar weit verbreiteter ist als unter den "Armen". Es ist der Mangel an einer zumindest ausreichenden Beziehung zu Gott. "An Gottes Segen ist alles gelegen!" Wenn der Mensch das erst einmal begriffen hat, dann lernt er jene Dankbarkeit, welche der erste und beste Schritt zur Erfüllung des ersten und wichtigsten Gebotes ist, "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben", und damit auch der erfolgversprechendste Schritt zur Tugend der Armut.

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