Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Auftrag der Kirche

 Mt 28,19-20
 
Das irdische Heil?

08. Oktober 2020
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«Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.»

Je länger je mehr stellt sich mir die Frage, was denn eigentlich der Auftrag unserer Kirche in dieser Welt sei. In meiner Jugend war das noch ganz klar: «Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.» (Mt 28,19-20)

Selbstverständlich gibt es da noch jenen Auftrag des Herrn, den er den zwölf nach ihrer Wahl erteilt hatte: «Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.» (Mt 10,7-8) Das dürfte der gleiche Auftrag gewesen sein, den er später den zweiundsiebzig anderen Jüngern erteilt hat. Er sagte zu ihnen: «Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.» (Lk 10,1-2)

Diesen Auftrag könnte man wohl noch irgendwie im Sinn der modernen Verkündigung verstehen, in welcher es hauptsächlich um das irdische Wohl des Menschen geht. Aber schon hier kommt das Himmelreich ins Spiel, das nahe ist. Dass es aber gilt, dieses schon hier und jetzt zu verwirklichen, das sagt der Herr auch hier nicht. Es gibt, soweit ich die Schrift kenne, auch keine Stelle, in welcher der Herr ein solches hier auf Erden versprechen würde. Im Gegenteil. «Wer mein Jünger sein will, der nehme das Kreuz auf sich und folge mir nach.» (vgl. Lk 9,23) Hier spricht er von jener Ernte, welche gross ist. Wohin diese Ernte gebracht werden muss, das sollte eigentlich klar sein.

Wenn wir nun zur Stelle bei Mt 18,19-20 zurückkehren, zu jenem Auftrag, den der Herr seinen Jüngern nach seiner Auferstehung erteilt hat, dann geht es dort um drei Dinge: alle Menschen zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und sie zu lehren. Vom Aufbau einer besseren Welt ist auch hier nicht die Rede. Der Herr wusste genau, dass dies nur Illusionen wecken würde. Er selbst war ja auch nicht gekommen, das auserwählte Volk aus der Knechtschaft der Römer zu befreien. Diesen Anspruch an ihn hat er immer entschieden zurückgewiesen. Schon in Psalm Ps 130,8 heisst es: «Ja, er wird Israel erlösen / von all seinen Sünden.» Der Engeln verkündete es dem Heiligen Josef: "Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen." (Mt 1,21) Und Zacharias bestätigte dies in seinem Lobgesang: «Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken / in der Vergebung der Sünden.» (Lk 1,77) Von weltlichen Heil ist nirgends die Rede. Dass aber eine bessere Welt immer dort entsteht, wo sich der Mensch aus seinen Sünden erlösen lässt, sollte für jeden klar sein, der sich einmal in diese Problematik vertieft.

Wahre Jünger des Herrn sind Menschen, welche sich immer zuerst einmal aus ihren Sünden erlösen lassen, und dann dem Herrn nachfolgen, auch wenn der Weg über das Kreuz führt. Dieser führt zur Auferstehung und zum ewigen Leben. Es ist ein Weg in dieser Welt, auch wenn es oft nicht der Weg dieser Welt ist. Es ist aber auch ein Weg für diese Welt, weil auch der Herr für diese Welt da war, weil auch er geholfen und geheilt hat. Doch das letzte Ziel des menschlichen Lebens unseres Herrn war unser ewiges Heil. So ist und bleibt auch das letzte Ziel des Jüngers das ewige Heil, sein eigenes sicher, aber auch das ewige Heil all seiner Mitmenschen. So hat auch der Auftrag des Herrn als letztes Ziel immer das ewige Heil des Menschen. Das ist jenes Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit, die wir suchen müssen, auch damit uns alles andere dazu gegeben werden wird. (vgl. Mt 6,33)

Die grosse Stärkung für diesen Weg, welche der Herr uns schenkt, ist die Taufe, diese eine Taufe zur Vergebung der Sünden, wie wir im grossen Glaubensbekenntnis beten. Allen Menschen diesen Gnadenschatz zu vermitteln gehört zum Auftrag des Herrn an uns, an seine Kirche. Sicher, durch sie werden wir auch aufgenommen in die Gemeinschaft der Gläubigen. Der letzte Sinn der Taufe aber ist und bleibt das ewige Heil, was nicht anderes ist als die Gemeinschaft mit Gott und untereinander, unvollkommen schon hier und jetzt, vollkommen und unzerstörbar einst in unserer ewigen Heimat.

Zur Taufe aber gehört unabdingbar: «lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.» Wohin aber zielte die ganze Belehrung, welche Christus seinen Jüngern gegeben hat? Was ist die Quintessenz dessen, was er uns geboten hat? «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,37-39) Es ist ein Doppelgebot. Die beiden Teile sind untrennbar verbunden. Wer als Jünger dem Herrn nachfolgen will, wird im Vorbild des Herrn, in seiner Beziehung zum Vater und zu den Menschen, dieses Ideal verwirklicht sehen. Wer aber einseitig den einen oder anderen Teil lebt oder verkündet, liegt neben dem Auftrag des Herrn.

Unsere Kirche nennt sich katholisch, allumfassend. Eine der grössten Gefahren für eine echte Jüngerschaft ist es, sich auf einen Aspekt der Wahrheit zu fixieren und alle anderen zu vernachlässigen oder gar zu leugnen. Ein wichtiger Auftrag der Kirche ist es also auch, darauf zu achten, dass immer die ganze Lehre verkündet und befolgt wird. Nur so kann vermieden werden, dass «jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus.» (1.Kor 1,12)

Wir alle sind getauft auf den Tod unseres Herrn, damit wir einst mit ihm auferstehen. Unser Auftrag, der Auftrag der Kirche ist es, dies allumfassende Wahrheit allen Völkern zu verkünden, damit alle zu seinen Jüngern werden und das ewige Heil erlangen. «Was ihr dem geringsten meiner Brüder nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.» Das gilt nicht nur für in Bezug auf das irdische Heil des Menschen, sondern auch in Bezug auf sein ewiges.

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