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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Drei mögliche Auslegungen

Der grosse Paradigmawechsel

27. Juli 2015

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Die Ferienaushilfe in unserer Kirche zählte in seiner Predigt drei mögliche Auslegungen des Tagesevangeliums von der wunderbaren Brotvermehrung auf. Die erste war diejenige einer Wundergeschichte. Glücklich, wer dies glaube könne, meinte er. Die zweite war die heute weit verbreitete von der Öffnung der Herzen, die die Menschen ihre Vorräte teilen liess. Und die dritte sah darin eine Vorwegnahme der Einsetzungsgeschichte der Heiligen Eucharistie: „Er nahm das Brot, sprach den Lobpreis und gab das Brot.“ Wer nun erwartete, er würde erklären, welches die Auslegung unserer Kirche sei, sah sich getäuscht. Schlussendlich standen einfach alle drei, sozusagen zur Auswahl, im Raum. Das ist meines Erachtens Relativität in Reinkultur. Dass es in der heutigen Verkündigung je länger je weniger darum geht, die Wahrheit zu verkünden, sondern die eigene Meinung, das war mir schon seit längerer Zeit immer wieder aufgefallen. Dass eine gute Verkündigung heute dem Menschen einfach verschieden mögliche Interpretationen servieren soll, damit sich jeder seine eigne Meinung bilden bzw. auswählen kann, das war mir neu.

Doch dann musste ich mir sagen, dass dies einfach nur die Folge des grundlegenden Paradigmawechsels ist, der sich heute – vielerorts unbemerkt – vollzieht. Früher stand Gott im Zentrum der Kirche und der Verkündigung, und die erste Sorge der Kirche war das ewige Heil der ihr anvertrauten unsterblichen Seelen. Heute steht je länger je mehr der Mensch im Zentrum. Ein nur liebender Gott steht irgendwo am Rande als nützlicher Helfer, und als Totschlagargument gegen jeden Versuch die letzten Dinge ins Spiel zu bringen. Die vordringliche Sorge der Kirche aber scheint das irdische Wohl des Menschen zu sein, sein psychisches und physisches Heil. Das Reich Gottes, zu dem früher ein schmaler Weg und eine enge Pforte führten, wird immer mehr zu einem idealen Reich des Menschen hier auf Erden, das sich schnell verwirklichen würden, wenn nur alle Menschen etwas mehr guten Willen zeigen würden.

Es ist klar, dass man sich bei einem solchen Paradigmawechsel nicht auf dem Wortlaut der Schrift stützen kann. So ist es denn nur logisch, wenn deren Verbindlichkeit relativiert, die Texte uminterpretiert oder gar „besser übersetzt“ werden, oder noch besser, wenn man den Gläubigen jeweils eine Auswahl an Auslegungen präsentiert. So haben wir schlussendlich die Situation, in der „jeder glaubt, was er will, keiner glaubt, was er soll, aber alle glauben mit.“ Dann haben wir jene Gemeinschaft der Kirche, die dem Verwirrer am besten gefällt.



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