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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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„Wie die Bewegung, so die Verpflegung"

Eine theologisch möglicherweise nicht ganz lupenreine Betrachtung
05. November 2017

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Der alte Herr, der zu meiner Jugendzeit in unserem Haus wohnte, erzählte hin und wieder von seiner Gefangenschaft in Russland im ersten Weltkrieg. Eine Episode kommt mir oft in den Sinn, wenn ich die Haltung von uns Christen Gott gegenüber beobachte.

Er war in einem grösseren Lager irgendwo in der Steppe untergebracht. Die Verpflegung war miserabel, die Behandlung sonst den Umständen entsprechend nicht schlecht. Oft wurden sie als Arbeiter irgendwo eingesetzt, auf den Feldern, beim Strassenbau oder sonstwo. Dann sagten seine Kameraden oft: „Wie die Verpflegung, so die Bewegung!“ und drückten sich wo sie nur konnten. Das wirkte sich dann natürlich auf die Behandlung und nochmals auf die Verpflegung aus. Als sie einmal beim Beladen von Lastwagen eingesetzt waren, und die im Akkord bezahlten russischen Fahrer ob der Langsamkeit ihrer Arbeit fluchten, platzte ihm der Kragen. Er sagte zu seinen Kameraden: „So, und jetzt versuchen wir es umgekehrt. Jetzt wird gearbeitet! Mal sehen, was passiert!“ Sie folgten seinem Rat. So waren die Wagen schnell beladen, und manchmal mussten nun sie, nicht die Fahrer warten. Das erste, was geschah, war, dass ein Fahrer einem von Ihnen eine Zigarette zusteckte. Andere folgten dem Beispiel. Dann forderten die Fahrer bei der Lagerleitung, dass sie inskünftig diese Gruppe und keine andere zugeteilt erhielten. Und schlussendlich wurden sie auch im Lager selbst bevorzug behandelt. „Seht ihr“ sagte er dann zu seinen Kameraden: „Wie die Bewegung so die Verpflegung.“

Und „die Moral von der Geschicht“? Neigen wir nicht alle, hin und wieder oder auch öfter, dazu zu denken: „Wenn mir Gott dieses oder jenes schenken würde, so würde ich auch mehr beten, mich mehr bewegen für eine bessere Beziehung zu ihm und zu meinen Mitmenschen. Aber so …“ Sollten nicht auch wir es einmal umgekehrt probieren, etwas mehr „Bewegung“ auf Gott hin, etwas mehr versuchen, ihm Freude zu bereiten? Wäre es dann nicht auch wahrscheinlich, dass Gott uns eine bessere „Verpflegung“, mehr Gnade und Kraft für unseren Weg, vielleicht sogar mehr Freude und Befriedigung an unserer Arbeit für ihn schenken würde? Ich weiss, Theologen werden jetzt den Kopf schütteln. Aber müssen wir Gott immer durch eine hochtheologische Brille betrachten? Dürfen wir nicht hin und wieder „werden wie die Kinder“, Gott sozusagen mit menschlichen, kindlichen Augen sehen, und an Märchen und Wunder glauben, solange uns dies für unsere Beziehung zu ihm nützlich ist?


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