Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Ein Bittgang ist  

Haben wir Gott noch nötig?

25. Mai 2014

Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten

Spruch der
Woche






„Der Bittgang ist ein Symbol für unseren Lebensweg, den wir mit Gott gehen.“ So steht es in der Einladung eines katholischen Frauenforums irgendwo in der Schweiz. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ So rechtfertigten mir meine Eltern die Bittgänge und Prozessionen damals in unserer Pfarrei. Ihre Worte blieben bis heute tief verankert in meinem Herzen, hatten wir doch ihre Wahrheit in den schweren Zeiten während und nach dem Krieg hautnah erfahren.

Sicher, irgendwelche Spaziergänge oder auch Wanderungen und Pilgerwegstrecken als Symbol unseres Lebensweges mit Gott zu absolvieren, das kann sinnvoll sein, selbst wenn dies nicht unbedingt meiner Art der Frömmigkeit, meiner Spiritualität  entspricht. Bittgänge aber sind keine Symbole. Sie sind harte Realität, mit der wir Gott zeigen, dass wir uns bewusst sind, wie sehr wir uns von ihm abhängig wissen. Sie sind da um zu bitten, um zu beten um Gottes Segen für die Früchte der Erde und unserer Arbeit, um Schutz vor jeglichem Schaden an Leib und Seele, um Gottes Segen und seine Gnade. Sie sind auch da um Gott zu danken für alles, was er uns bisher geschenkt hat. Und wenn wir uns dessen bewusst sind, dann folgt fast automatisch auch die Bitte um Verzeihung für alles, wo wir Gottes Willen missachtet, wo wir seinem Wirken und seiner Gnade im Weg gestanden sind. Ist das nun längst überholte, vorkonziliare Mentalität?

Sind wir heute nicht mehr auf Gott angewiesen? Oder waren wir es nie, war das nur eine Illusion? Ist vielleicht seine Liebe und Hilfe etwas, das er uns schuldet? Oder schaffen wir Menschen unser Heil, das Heil hier und jetzt wie das ewige Heil, auch ohne ihn? Ist ein personaler, in der Geschichte handelnder Gott nur ein frommes Märchen, etwas, von dem wir nicht wissen, ob es das nun gibt oder nicht? Wollen wir heute einfach unseren Lebensweg gehen, mit Gott, wenn dieser ihm gefällt, aber notfalls auch ohne ihn?

Mir scheint, es ist ziemlich gedankenlos von einem Bittgang als einem Symbol für unseren Lebensweg mit Gott zu sprechen. Oder ist es vielleicht eine verräterische Sprache?


******



Home
weitere Texte
Archiv
nach oben