Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ohne Gott sieht man nicht scharf genug  

Gott verkünden

29. Oktober 2014

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"Ohne Gott sieht man nicht scharf genug" Mit dieser Feststellung reagierte ein Leserbriefschreiber in unserer Tageszeitung auf einen Artikel mit dem Titel: „Den meisten Schweizern sind Gott und Glaube egal“. Er verwendete das Bild der verlegten Brille, ohne die man die Dinge nicht mehr scharf genug sieht. Da ist es selbstverständlich, dass man sie sucht.

Zuerst wollte ich den Gedanken mit einem eigenen Leserbrief weiter führen. Aber dann merkte ich, dass meine Frage nicht unbedingt an die grosse Öffentlichkeit gehört, sondern innerhalb unserer christlichen Kirchen, auch innerhalb unserer katholischen Kirche überlegt und diskutiert werden müsste: Haben vielleicht auch wir, die Gläubigen und unsere Hirten, jene Brille verlegt, mit der wir in der Lage sind, Gott und seinen Willen klar genug zu sehen? Oder hat sich einfach so viel Schmutz darauf gelegt, dass alles trüb und farblos geworden ist, was Gott und die Kirche betrifft? Müssten nicht auch wir uns allen Ernstes auf die Suche machen, nach der Brille, nach den Reinigungstüchlein, oder gar nach beidem? Ist unser Glaube noch stark und klar genug, um in einer vom Zeitgeist vernebelten Welt einen scharfen Blick für Gott zu behalten?

An diese Frage aber schliesst sich nahtlos eine weitere an: Bieten unsere christlichen Kirchen, auch unsere eigene, den Menschen, die ihre Brille verloren oder gründlich zerkratz haben, überhaupt noch die richtigen Brillen an? Oder bemühen sie sich lieber darum, modisch gefärbte Gestelle zu verkaufen, deren Gläser sich kaum noch Fensterglas unterscheiden? Wie steht es mit unserer Verkündigung? Stellen wir den Menschen Gott immer noch klar, umfassend und ungeschönt vor Augen?

Ohne Gott sieht man nicht scharf genug. Ohne Gott sieht jeder die Dinge anders. Wenn die Kirche „vergisst“, den Menschen die richtigen Brillen zu „verkaufen“ – ohne Bezahlung selbstverständlich (siehe Jes 55,1) – muss sie sich nicht wundern, wenn die Menschen sie, und damit auch Gott, nicht mehr finden.


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