Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Die Brotresten des Glaubens

  Mt 15,26-28
 
Die Verkündigung heute

24. Januar 2021
Gedanken-
splitter Archiv

Aphorismen
Gedanken-
splitter

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten






Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

«Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.» Wenn wir diesen Satz einfach so stehen lassen, ist er komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Mir kam er jüngst so in den Sinn, als mir auffiel, wie rudimentär heute unsere Verkündigung ist, wie viele grundlegende Glaubenswahrheiten nur noch äusserst vorsichtig und verharmlosend, wenn nicht gar überhaupt nicht mehr verkündet werden. Nehmen wir nur das Kreuz Christi. Man muss heute nicht oft froh sein, wenn man das Wort überhaupt noch in den Mund nehmen darf? Oder nehmen wir die Realpräsenz. Ja, Jesus ist mit uns und bei uns, gerade auch in diesem Zeichen. Aber real, mit Fleisch und Blut, mit Gottheit und Menschheit?

«Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln;» (2.Tim 4,3) prophezeite schon Paulus. Er meinte damit aber sicher nicht, dass sein Schüler Timotheus und seine Nachfolger sich dann diesem Trend unterwerfen sollten. Im Gegenteil: «Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.» (2.Tim 4,1-2)

Unsere Kirche heute aber scheint sich immer mehr mit ihrem Schicksal abzufinden und nur noch das zu verkünden, was man hören will. So aber bleibt von unserem ganzen, katholischen, allumfassenden Glauben nicht mehr viel übrig, ein paar Brotkrümel vielleicht, welche die Hunde unter dem Tisch auflecken, während die Gäste am Tisch die kunstvoll gestalteten aber leeren Schüsseln und Teller bewundern und dem Servierpersonal applaudieren.

Ich weiss, das ist böse gesagt. Aber masslos übertrieben? Das würde ich auch wieder nicht behaupten. Manchmal komme ich mir wirklich so vor wie diese Hunde unter dem Tisch, welche froh sein müssen, wenn hin und wieder doch ein nahrhafter Brocken abfällt. Zum Glück aber gibt es auch heute noch gute Köche, welche wissen, was die Gäste des Herrn brauchen und dies auch liebevoll zubereiten und servieren. Diesen sollten wir viel mehr dankbar sein, auch wenn sie uns hin und wieder nicht den Fliegenpilz servieren, den wir uns wünschen, sondern das Ei, das wir nötig haben. Und für den schlimmsten Fall haben wir ja immer noch die reich gefüllten Speisekammern der Schrift und der treuen Boten des Herrn aus allen Jahrhunderten.

«Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.» (Mt 15,26-28) Heisst das nicht auch, dass wir trotz allem nicht verzweifeln dürfen? Heisst das nicht, dass auch wir uns, auch in dieser Situation, ein unerschütterliches Vertrauen zulegen müssen, dass wir unermüdliche das Reich Gottes, das wahre Reich Gottes, nicht das Reich des Menschen, suchen müssen, damit uns alles andere dazugegeben wird? (Mt 6,33)
 
******



Home
weitere Texte
Archiv
nach oben