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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Kreuzes-Theologie vs. Communio-Theologie

Erlösung und Gemeinschaft
 
16. Mai 2020
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In einer Internetdiskussion schrieb ein Teilnehmer von «Kreuzes-Theologie vs. Communio-Theologie», also vom Gegensatz zwischen diesen beiden Theologien. Den Begriff der Communio-Theologie kannte ich bisher nicht. Er wurde mir nun zu einem der Schlüsselbegriffe zum besseren Verständnis der heutigen Situation in Kirche und Welt.

Was aber ist Communio-Theologie? Ist sie ein Gegensatz zur Kreuzestheologie? Communio bedeutet Gemeinschaft. Gemeinschaft ist ein Begriff, der von den Anfängen an in unserer Kirche gross geschrieben wurde. Nach meinem Verständnis umfasst sie in der Theologie drei Bereiche: Die Gemeinschaft innerhalb von Gott (Stichwort Dreieinigkeit), die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, und die Gemeinschaft unter uns Menschen.

Wir glauben an den einen, dreifaltigen Gott, an einen Gott in drei Personen. Damit drücken wir aus, dass die Gemeinschaft der drei göttlichen Personen so vollkommen ist, dass diese drei ein einziges Wesen bilden. Diese besteht seit Ewigkeit und in alle Ewigkeit. Sie ist unauflöslich ja sogar unverletzbar. Sie genügt sich selbst. Sie ist auf niemanden sonst angewiesen. Aus freiem Willensentscheid hat sie diese Welt geschaffen und in ihr den Menschen, welcher – auch er in einem freien Willensentscheid – in eine Beziehung, in eine Gemeinschaft mit Gott treten soll.

Diese Gemeinschaft von Gott und Mensch war im Paradies verwirklicht, soweit als es der wesenhafte Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf erlaubte. Diese Gemeinschaft hat der Mensch – wiederum aus freiem Willen – aufgekündigt, wenn man das einmal so sagen darf. Er wollte seine Unterordnung unter den Willen der göttlichen Gemeinschaft nicht akzeptieren, den hierarchischen Unterschied nicht anerkennen, nicht gehorchen. Er wollte sein wie Gott. Damit verlor er sein «Wohnrecht» in jenem Reich Gottes, das der Schöpfer für ihn in dieser materiellen Welt aufgestellt hatte. Damit verlor er jene Gemeinschaft mit Gott, zu welcher er eigentlich bestimmt war. Damit geriet er in die Gefangenschaft des Todes.

Gott aber gab seinen Plan mit dem Menschen nicht auf. Er selbst in seiner zweiten Person kam in diese Welt des Menschen, welche nun nicht mehr das Paradies war, sondern ein Reich der Unvollkommenheit, der Sünde und des Leides. Er wurde einer von uns um uns aus dieser Knechtschaft zu erlösen, um die gebrochene Gemeinschaft mit ihm wieder herzustellen. Von sich aus wäre der Mensch nie fähig gewesen, diese wieder aufzubauen. Dazu ist der Wesensunterschied zwischen Gott und Mensch zu gross. Indem Gott selbst die Folgen der Auflehnung des Menschen gegen ihn trug und zwar bis zur Vollendung, bis zum Tod am Kreuz, schenke er diesem die Möglichkeit, die Kraft und die Gnade – immer ohne seinen freien Willen anzutasten - mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Dank seiner Auferstehung, in welcher er Gott und Mensch wie zu seiner Erdenzeit blieb, ist er nun mit seiner Kraft und seinen am Kreuz für uns erworbenen Gnaden bei uns bis zu unserer Vollendung in der endgültigen Heimkehr in das verlorene Paradies im unvergänglichen Reich Gottes. Das Kreuz war also zur Wiederherstellung unserer Gemeinschaft mit Gott notwendig. Eine Theologie der Communio zwischen Gott und Mensch ist also unmöglich ohne das Kreuz, ohne die Kreuzestheologie als Basis.

Wenn wir uns nun der Gemeinschaft zwischen uns Menschen zuwenden so sehen wir, dass diese Gemeinschaft beileibe nicht vollkommen ist. Sie wird ständig verletzt, wenn nicht gar zerbrochen durch unser Fehlverhalten, unsere Sünde. Diese Verletzungen aber sind immer auch eine Verletzung unserer Gemeinschaft mit Gott, der das Heil aller Menschen will. Doch aus eigener Kraft ist es uns meist nicht möglich, die Gemeinschaft unter uns zu heilen oder gar wiederherzustellen, wenn sie einmal zerbrochen ist, von der Gemeinschaft mit Gott ganz zu schweigen. Dazu reichen unsere menschlichen Fähigkeiten nicht aus. Dazu ist auch unser freier Wille oft viel zu schwach. Dazu brauchen wir die Erlösung aus Sünde und Schuld. Dazu brauchen wir die Gnade und die Kraft Gottes. Dazu brauchen wir das Kreuz unseres Herrn. So läuft denn auch jede Theologie der Communio unter uns Menschen ohne das Kreuz ins Leere.

So gesehen ist jede Kreuzestheologie eine Theologie der Communio und jede Communio-Theologie eine Theologie des Kreuzes. Nur so wird unser Glaube katholisch, allumfassend, die Vollkommenheit Gottes umfassend und unsere Unvollkommenheit, den freien Willen Gottes und unseren freien Willen, unsere Möglichkeit frei den Willen dessen zu tun, der nur das Beste für uns will.


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