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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wir aber wollen dem Herrn dienen

offener Brief nicht nur an diesen Abt
 

04. August 2020

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Sehr geehrter Herr Abt

In den letzten Tagen war ich in Ihrem Kloster zur Beichte. Ich war geschockt. Das war nicht mehr das Heilige Busssakrament, wie es in meiner Jugendzeit und noch lange nachher gespendet wurde. Da ging es nicht mehr um die Vergebung meiner persönlichen Sünden. Da ging es vielmehr darum, mit dem Schuldgefühl für mein Versagen fertig zu werden. Da spielte Gott eigentlich nur noch eine Nebenrolle und unsere Erlösung aus Sünde und Schuld durch den Tod unseres Herrn am Kreuz überhaupt keine mehr. Da wäre es eigentlich nur logisch gewesen, wenn der Priester sich schliesslich so verhalten hätte, wie eine Bekannte von mir jüngst erzählte. Sie hatte sich in ihrer Pfarrei zur Beichte angemeldet. Der Aushilfspriester (kein Ordensmann) nahm ihr Sündenbekenntnis entgegen, beantwortete ihre Fragen und entliess sie schliesslich mit einem Segen, ohne die Absolutionsformel zu gebrauchen.

Mir kam da die Aussage unserer Gemeindeleiterin (Pfarreiseelsorgerin) in den Sinn, welche im letzten Kirchenblatt zitiert wurde mir den Worten: «Die Kirche ist nicht mehr die gleiche wie vor vierzig Jahren.» Sicher, es hat sich vieles geändert. Aber leider nicht nur in den Äusserlichkeiten, sondern bis in die grundlegenden, die Glaubensfragen hinein. Es ist das Gottesbild, da sich grundlegend geändert hat. Immer mehr gleitet die Verkündigung ab in das Gottesbild des moralistisch-therapeutischen Deismus[1], welcher z.B. im vierten Glaubenssatz sagt: «Gott ist es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.»

Die Frage ist nun: «Wollen wir, will Ihre Gemeinschaft das? Wollen wir eine andere Kirche? Wollen wir einen anderen Gott?» Ich will das nicht. Das wäre der Bruch meines Tauf- und Firmversprechens und würde nur die Frage aufwerfen: «Zu wem soll ich gehen? Wer hat noch Worte des ewigen Lebens?» (vgl. Joh 6,68)

Ich schreibe Ihnen nicht, weil ich den betreffenden Priester anklagen will. Ich gehe davon aus, dass er aus bestem Wissen und Gewissen handelt. Deshalb erwarte ich auch keine Antwort. Das würde nur zu Rechtfertigungen führen und zur «Suche nach den Schuldigen». Das aber brauchen wir hier nicht. Aber ich glaube, dass Sie und Ihre Gemeinschaft, ja unsere ganze Kirche sich unbedingt wieder der Frage stellen müssen: «Welche Kirche, welchen Gott wollen wir? Dürfen wir weiter auf dem Weg in Richtung des moralistisch-therapeutischen Deismus gehen? Oder sollten wir nicht unbedingt und sofort umkehren und erklären: «Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen»? (vgl. Jos 24,15)

In der Liebe Christi, unseres Erlösers, verbunden
Stefan Fleischer

 

 

[1] https://blog.jonaserne.net/kirche-des-moralistisch-therapeutischen-deismus-gegruendet/511/

 


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