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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Weg ist das Ziel


Wozu sind wir auf Erden?

  
27. Januar 2020
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Es mag wohl schon dreissig Jahre her sein, wenn nicht mehr. Da zirkulierte unter den jungen, modernen Theologen und engagierten Christen das Wort: «Der Weg ist das Ziel!» Die Erinnerung daran kommt mir heute oft, wenn ich mir die Äusserungen verschiedener, mehr oder weniger junger, engagierter Christen anhöre. Das tönt dort oft - vermutlich ganz unbewusst - irgendwie ähnlich wie der moralistisch-therapeutische Deismus, welcher sagt: «Das Ziel des Lebens ist, dass sich jeder glücklich fühlt. Dazu hat jeder seinen eigenen Weg. Dieser Glaube will ihm dabei helfen, diesen individuellen Weg zu finden.»

«Der Weg ist das Ziel.» Was sagt der Katechismus unserer katholischen Kirche dazu? In der Fassung des YOUCAT heisst es, ähnlich wie es im Katechismus meiner Jugend hiess, «Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen.“ Ziel unseres Lebens aus der Sicht unseres Glaubens ist es also, «in den Himmel zu kommen», das heisst das ewige Leben bei und mit Gott zu erreichen. Drei Schritte sind es, welche, gemäss dieser Lehre, uns zu diesem Ziel führen, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und das Gute zu tun.

Der erste Schritt ist also, Gott zu erkennen. Gott zu erfahren bemühen sich viele Menschen heute. Die moderne Religionspädagogik ist sehr stark darauf ausgerichtet. Aber ist das das Gleiche? Im christlichen Sinn kaum. «Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.» (Mk 16,16) sagt die Schrift. Natürlich sind Gotteserfahrungen nützlich für unseren Glauben und unser Leben daraus. Aber der Glaube ist die Basis. Ohne Glaube treiben wir orientierungslos im Meer unserer Erfahrungen. Glaube aber kommt vom Hören. «Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?» (Röm 10,14)

Der zweite Schritt ist dann, Gott zu lieben. Auch hier, viele Christen heute bemühen sich, Gott zu lieben. Doch was heisst das? «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren». (Joh 14,21) Christliche Gottesliebe basiert auf der Erkenntnis Gottes, hier auf der Erkenntnis des Willens Gottes und seiner Gebote, und dann auf dem freien Willensakt diese Gebote zu halten, weil Gott uns liebt. Unsere Gottesliebe ist also zuerst ein freier Willensakt. Wenn das Gefühl mitspielt, so ist dies Gnade, die wir dankbar annehmen und geniessen dürfen. Wenn das Gefühl aber einmal oder vielleicht sogar oft schweigt, so gilt auch hier: «Dankbarkeit ist ein anderes Wort für Liebe.»

Der dritte Schritt ist, das Gute zu tun. Auch hier wieder, viele Menschen bemühen sich Gutes zu tun. Die Kirche aber lehrt deutlich DAS GUTE zu tun und präzisiert: «nach seinem Willen», das heisst nach Gottes heiligem Willen. Gott ist «der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde», wie wir im Glaubensbekenntnis beten. Das heisst aber auch, er ist der Herr. Viele Menschen heute können mit dem Begriff Herr für Gott, oder gar für Christus, nicht mehr viel anfangen. Das zeigt sich deutlich darin, wie oft heute einfach von Jesus die Rede ist. Ob dahinter immer noch der bewusste Glaube steht: «… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn»?

Gerade dieser dritte Schritt, das Gute bzw. Gutes zu tun, wird uns heute oft als Ziel unseres Lebens vorgeschlagen. Natürlich ist er ein entscheidender Schritt, aber nicht der letzte. Wenn für uns der Himmel einfach der Abschluss unseres Weges hier und jetzt ist und nicht das Ziel, die anzustrebende, ewige, unverbrüchliche Beziehung zu Gott, dann sind wir bald einmal dort, wo es - wie im materialistische-therapeutischen Deismus - heisst: «Alle Menschen, die im Leben Gutes tun, werden nach ihrem Tod in den Himmel kommen. Die anderen werden gar nichts mehr mitbekommen.» Das aber ist sicher nicht die Lehre unseres Herrn und Erlösers. Der tiefste Sinn von allem aber, selbst unseres ewigen Heils, ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Leben zur grösseren Ehre Gottes.

Wozu sind wir auf Erden? Es lohnt sich, sich Gedanken zu diesem Thema zu machen. Das gibt uns ein Glück schon hier und jetzt, welches diese Welt nicht zu schenken vermag und das uns auch dann noch begleitet, wenn es gilt, auch das andere Wort des Herrn umzusetzen: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Lk 9,23)


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