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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Deus caritas est

Der liebe Gott
09. Juni 2020
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  «Deus caritas est». Der lateinische Titel der Enzyklika von Papst Benedikt XVI. kann rein vom Wortlaut her in Deutsch auf zwei Arten übersetzt werden: «Gott ist Liebe» oder «Gott ist die Liebe». Wikipedia übersetzt: „Gott ist [die] Liebe“ Die dazu angegebene Referenz, welche auch in der Enzyklika als erster Satz der Einführung benutzt wird, ist 1 Joh 4,16, in der Fassung der Einheitsübersetzung 1980. Dort werden die eckigen Klammern von [die] weggelassen. Die neue Einheitsübersetzung übersetzt mit «Gott ist Liebe». Was näher beim Originaltext ist, das müssen die Exegeten beantworten.

Mir persönlich gefällt die Übersetzung «Gott ist Liebe» besser. Sie erlaubt parallel dazu Aussagen wie: «Gott ist Gerechtigkeit; Gott ist Barmherzigkeit; Gott ist Wahrheit» etc. Immer steht das «Gott ist» als Anerkennung seiner Person im Vordergrund. «Gott ist die Liebe» dagegen lässt viel leichter eine Verabsolutierung der Liebe Gottes zu, eine Verdrängung aller übrigen Eigenschaften Gottes. Damit aber wird schnell einmal der Blick getrübt, wenn nicht gar verdunkelt, für die ganze Realität des in der Geschichte handelnden Gottes, dieses unseres einen und einzigen Gottes in drei Personen. Damit wird dann die Liebe als moralisches Prinzip, wenn meist auch nur unbewusst, vergöttlicht, Gott gleichgestellt, bzw. wird Gott auf seine Liebe (zu uns) reduziert.

In meiner Jugend gab es diesbezüglich kaum eine Diskussion. Viel zu oft war vom «lieben Gott» die Rede. Das «Gott ist Liebe» der Schrift wurde ganz in dem Sinn verstanden, dass die Liebe eine der Wesenseigenschaften Gottes ist, die wichtigste sogar, aber nicht die einzige. Das erlaubte dann der Gerechtigkeit Gottes den ihr gebührenden Stellenwert einzuräumen. Ja sogar der «strafende Gott» hatte Platz in dieser Definition, indem man das Handeln Gottes aus seiner Sicht zu verstehen suchte, aus einer Sicht, welche das ganze Universum umfasst, allwissend und allmächtig ist und so, unabhängig von Raum und Zeit und anderer irdischer Kriterien, ganz aus seiner unergründlichen Liebe heraus handeln kann.

Heute begnügen wir uns allzu oft mit unserer rein menschlichen Sicht der Dinge, eine Sicht, welche allzu leicht in eine mehr oder weniger egozentrische Sicht umschlägt. Gott soll für mich Liebe sein, selbst dort, wo er damit ungerecht gegenüber anderen würde. Gott soll mir hier und jetzt, d.h. augenblicklich, das geben, was ich für mich gut und richtig und wichtig finde. Ob das effektiv und langfristig gesehen für mich das Beste ist, interessiert mich kaum. Und ob ich seine ernst gemeinten Mahnungen, welche wir so oft als Drohungen bezeichnen, nicht besser doch ernst nehmen sollte, das fragen wir uns ebenfalls allzu selten. Wenn wir dann wenigstens die Konsequenzen unserer Uneinsichtigkeit als Anstoss zur Umkehr nehmen würden. Aber auch dazu sind wir oft zu verblendet und auf uns selbst, unser irdisches Wohl (und vielleicht noch dasjenige unserer Lieben) fokussiert.

Gott ist Geduld und Barmherzigkeit. Er ist aber auch jener, wecher alles besser weiss und richtiger macht als wir. Und genau darin besteht seine Liebe zu uns, dass er uns nicht einfach unserer Dummheit, wenn nicht gar Bosheit, überlässt, sondern alles unternimmt, uns zu ihm in sein ewiges Reich zu führen. Es gehört aber auch zu seiner Liebe zu uns, dass er die uns geschenkte Freiheit dabei nicht antastet, uns den Entscheid für oder gegen ihn nicht abnimmt, auch den letzten, endgültigen nicht. Deshalb ist es so wichtig für uns, immer wieder umzukehren und in seine barmherzige Liebe, seine liebende Barmherzigkeit zu flüchten.

«Wohl mir! Du willst für deine Liebe ja nichts als wieder Lieb allein; und Liebe, dankerfüllte Liebe soll meines Lebens Wonne sein.» In dieser Haltung können, dürfen, ja sollen wir unser ganzes Vertrauen auf diesen uns liebenden «lieben Gott» setzen.


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