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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gott ist Liebe

Ist das der Gott der Bibel?

02. Juni 2017

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Über dem linken Seitenaltar der barocken Schlosskirche auf der Insel Mainau im Bodensee prangt in goldenen Lettern der Satz: „DEUS EST CARITAS“. „Gott ist Liebe“ ist also keine Erfindung der modernen Theologie. Und doch frage ich mich je länger je mehr, ob der Gott dieser Theologie noch der Gott der Bibel ist.

Je länger ich es mir überlege, desto mehr merke ich, dass es nicht diese so inflationär gebrauchte Aussage an sich ist, welche mir zum Problem wird, sondern die Einseitigkeit, mit der diese Wahrheit heute gepredigt wird. Meine Eltern lehrten uns noch vom „lieben Gott“ zu sprechen, zu ihm zu beten, auf ihn zu vertrauen. Sie lehrten uns aber auch: „An Gottes Segen ist alles gelegen!“ Die Liebe dieses Gottes war für uns keine Selbstverständlichkeit. Ja, mein Vater scheute nicht bei entsprechenden Gelegenheiten auch einmal zu sagen: „Gott straft schnell und gerecht.“ Und meiner Mutter hatte es besonders jenes Kirchenlied angetan wo es heisst: „Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille. Wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten.“ Beide hatten, je in ihrer Art, eine ganz persönliche, tiefe Beziehung zu diesem lieben Gott, den sie aber auch mit dem Psalmisten anzurufen wagten: „Verschaff mir Recht, o Gott“ (Ps 43,1), immer im Bewusstsein: „Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ (Röm 12,19)

Man dürfe Gott keine menschlichen Eigenschaften andichten las ich kürzlich irgendwo. Selbstverständlich ist Gott grösser als alles, was wir über ihn denken und sagen können. Aber wie sollen wir sonst über ihn denken und reden, wenn nicht in unserer menschlichen Sprache, mit unseren menschlichen Bildern? Gott gab uns keine andere Sprache dafür. Und auch Christus, der Herr sprach zu uns in dieser, unserer Sprache? Gerade deshalb scheint es mir wichtig, nie einseitig von Gott zu sprechen, ihn immer umfassend, allumfassend im Auge zu behalten. Nur so können wir zu ihm eine „alltagstaugliche“ Beziehung aufbauen. Wenn ich daran denke, wie unser Vater für uns Kinder war, lieb und streng, gerecht und strafend aber immer wieder verzeihend, für uns sorgend und uns immer mehr in die Eigenverantwortung entlassend, unsere Bitten erfüllend, wo es ihm richtig erschien und möglich war, aber auch Nein sagend, wo er es besser für uns fand, schlicht und einfach alles, dann glaube ich, dass ich, das wir uns auch Gott so vorstellen dürfen. Dann sagt für mich „Gott ist Liebe“ genau das aus. Dann ist für mich Gott eine reale, in der Geschichte handelnde Person. Dann ist Gott für mich katholisch, der Allumfassende.


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