9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Ohne das Kreuz gehen

sogar durch die Fastenzeit?
 02. März 2020
Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten






«Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.» (Papst Franziskus bei seiner ersten Predigt als Papst)

Immer mehr fällt mir auf, wie wenig in unserer Verkündigung und im Leben der Kirche noch vom Kreuz unseres Herrn die Rede ist. Damit aber verschwinden auch Begriffe wie Sünde und Schuld, Sühne und Busse und schliesslich der Begriff der Erlösung, welcher – wenn er noch eingesetzt wird – nun eher Befreiung (aus dem Fehlverhalten anderer) als Erlösung im eigentlichen Sinn, Erlösung aus unserer eigenen Sünde und Schuld, meint. Im Aschermittwochsgottesdienst (in einer anderen Pfarrei, weil man bei uns die Gläubigen wieder einmal mit einem Wortgottesdienst abzuspeisen versuchte) kam das Kreuz – sofern ich nicht geschlafen habe – kaum bis gar nicht vor, von Sünde und Busse ganz zu schweigen. Es ging sehr stark um das "mit Christus gehen, an einer besseren Welt arbeiten". Da erinnerte ich mich an obige Aussage unseres Heiligen Vater. Um sicher zu sein suchte ich im Internet. Dabei stiess ich auf eine Variante dieses Zitates: "Ohne Kreuz sind wir keine Jünger des Herrn. Wenn wir ohne das Kreuz gehen und bauen, sind wir zwar Bischöfe, Priester, Kardinäle oder Päpste, doch keine Jünger des Herrn. Das Kreuz muss stets im Zentrum des christlichen Lebens stehen".

Meine Frage ist nun, welcher Text ist das Original, oder besser gesagt, welcher Text entspricht besser dem, was unser Heiliger Vater sagen wollte. Der Unterschied besteht darin, dass in der ersten Variante unser Bekenntnis zu Christus und damit die Verkündigung hervorgehoben wird, während dies in der zweiten fehlt. Dafür ist nun von «mit dem Kreuz gehen und bauen», also von unserem Leben und Handeln als Christen die Rede. Sicher, beides ist an sich richtig und wichtig. Aber ist es heute nicht so, dass das Bekenntnis zu Christus, zu seiner Erlösertat am Kreuz, und die Verkündigung dieser Glaubenswahrheiten, vielerorts geradezu sträflich vernachlässigt werden? Dann jedoch frage ich mich manchmal, wie weit es sich hier wirklich noch Christentum handelt.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Theologen heute (und damit auch viele Gläubige) einem christlich getarnten, moralistisch-therapeutischen Deismus auf den Leim gekrochen sind. Die «frohe» Botschaft, welche diese Damen und Herren an die Frau bzw. den Mann zu bringen versuchen – ob bewusst oder unbewusst bleibe dahin verstellt- erinnert doch sehr an das «Glaubensbekenntnis» der „Church of MTD“ (Kirche des moralistisch-therapeutischen Deismus), welche auch in unserem Sprachraum Fuss zu fassen beginnt. Nehmen wir nur die beiden letzten ihrer fünf «Dogmen»:

4.    Gott ist es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.
5.    Alle Menschen, die im Leben Gutes tun, werden nach ihrem Tod in den Himmel kommen. Die anderen werden gar nichts mehr mitbekommen.

«Das Kreuz muss stets im Zentrum des christlichen Lebens stehen". Diese Aussage aus der zweiten Variante zeigt, dass das Wort unseres Heiligen Vaters auf keinen Fall im moralistisch-therapeutischen Sinn verstanden werden darf. (So glaube ich eher, dass die erste die richtige ist.) Darum sollten wir alle, jeder an seinem Platz und in seiner Funktion, in Wort und Tat und durch Unterlassung möglicherweise missverständlicher Sprechweisen, uns wieder bewusst bemühen, «mit dem Kreuz zu gehen und Christus mit dem Kreuz zu bekennen», damit wir wahrhaft Jünger des Herrn sind und in der Welt auch als solche werden.



********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben