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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ohne Ehrfrucht

keine Liebe
 
25. Februar 2021

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Mit dem Alter kommen die Erinnerungen, sagt man. Mir kam letzthin unser Ehevorbereitungskurs vor über 50 Jahren in den Sinn und dabei die Aussage des Kursleiters: «Ohne Ehrfurcht keine Liebe!» Und um das zu untermauern sagte er dann noch: «Liebe ohne Ehrfurcht ist Egoismus.»

Mit Ehrfurcht meinte er natürlich nicht Angst. «Liebe kennt keine Angst.» Auch diese alte Weisheit zitierte er. Unter Ehrfurcht verstand er eine Haltung, welche sich «fürchtet», die Ehre, die personale Würde des anderen zu verletzten. Dass so etwas in der geschlechtlichen Liebe schnell einmal vorkommen kann, das musste er uns nicht lange erklären. Dass wir uns deshalb bemühen müssen, auch in diesem Bereich den anderen in Zentrum zu stellen, uns und unsere Wünsche und Bedürfnisse zurück zu stellen vor den Wünschen und Bedürfnissen des anderen, das leuchtete schnell einmal ein, und auch, dass so der Vollzug der Ehe für beide Seiten glücklicher, erfüllte wäre, als wenn jeder nur an sich selbst denkt.

Diese Ehrfurcht, so erklärte er dann weiter, sollten wir im ganzen Eheleben, ja in unserem ganzen Leben überhaupt, pflegen und üben. Wie gerne erwarten wir solches nicht von unseren Nächsten. Und wie schnell vergessen wir es, wenn diese Haltung von uns gefordert ist. Wie viel besser wäre unsere Welt, wenn jedermann sich darum bemühen würde. Also, warum nicht selbst damit beginnen.

Dann kam er auch noch auf die Ehrfurcht Gott gegenüber zu sprechen. «Wahre Liebe zu Gott kennt keine Angst, weil sie auf der Ehrfurcht vor ihm beruht.» Wahre Gottesliebe, so wie sie von uns im ersten und wichtigsten Gebot gefordert ist, «fürchtet» sich, die Ehre, die personale Würde, die ganze Grösse und Herrlichkeit Gottes zu verletzen. Sie bemüht sich, ihn ins Zentrum unseres Lebens zu stellen, unsere Wünsche und Bedürfnisse zurück zu nehmen vor seinen Wünschen an uns. Dabei sagt uns der Glaube, dass all seine Wünsche, also auch seine Gebote, allein aus seiner Liebe zu uns fliessen, dass er sich für uns nur eines wünscht, unser Heil.

Gott hat dem Menschen in seinem Schöpferplan die Freiheit geschenkt. Seine «Ehrfurcht» uns gegenüber, wenn man das einmal so sagen darf, besteht darin, dass er diese Freiheit nie zurück nimmt. Wir können diese Freiheit missbrauchen. Seine Liebe zu uns ist dann wie die Liebe des Vaters im Gleichnis. Er wartet sehnsüchtig darauf, dass wir unser Fehlverhalten einsehen und zurückkehren, wie der verlorene Sohn. Dann kann er uns in seiner Allmacht durch die Vergebung der Sünden seine ganze Liebe erweisen. Dafür steht das Kreuz seines Sohnes, unsere Erlösung, welche keine Selbstverständlichkeit ist, aber unser grosses Vertrauen. Wie sagt es doch der Psalmist: "Doch bei dir ist Vergebung, / damit man in Ehrfurcht dir dient." ( Ps 130,4)


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