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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Unser Leben sei ein Fest

Das Fest unserer Erlösung
24. Mai 2018
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Als wir wenige Jahre nach unserer Hochzeit vom Bodensee an die Sprachgrenze nach Biel zogen, da war eine der ersten Neuheiten in unserer Pfarrei das Lied "Unser Leben sei ein Fest", welches der frischgebackene Katechet aus seiner Ausbildung mit in diese Gemeinde gebracht hatte. Ich dachte mir nicht sehr viel dabei. Die Erinnerung an meine Firmung und den Gedanken, den man uns damals mitgegeben hatte, "Ihr seid jetzt Streiter Christi", war längs verblasst. Von der streitenden Kirche hier auf Erden war schon längere Zeit nicht mehr die Rede, von der Rüstung Gottes, die wir anziehen sollten, damit wir den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnten (Eph 6,11), ebenfalls. Jetzt, fast fünfzig Jahre später, wird mir so richtig bewusst, dass eigentlich schon damals jener Paradigmenwechsel im Gange war, dem wir einen Grossteil der Probleme unserer modernen Kirche verdanken. Es ist der Wechsel von einer gottzentrierten zu einer menschzentrierten Kirche, von einer Vergebung der Sünde, welche aus der Erlösung fliesst, zu einer Barmherzigkeit Gottes, welche der Erlösertat unseres Herrn nicht mehr zu bedürfen scheint.

"Unser Leben sei ein Fest!" Auch wenn es heute nicht mehr so formuliert wird, so ist doch das allgemeine Verlangen nach einer heilen Welt hier und jetzt, nach einem Leben in Friede und Freude übergross geworden. Alles, was von unserem Glauben nicht so ganz in diesen Wunschtraum passt, wird als "Vertröstung auf das Jenseits" verschrien, wenn nicht gar als "Drohbotschaft", oder dann ganz einfach totgeschwiegen. Dass die Realität, die Lebenswirklichkeit eine ganz andere ist, dass es das Böse in dieser Welt gibt, auch in mir selber, dass wir alle erlösungsbedürftig sind, das wird gerne verdrängt oder überspielt, etwa durch Aktivismus, oder durch eine "Vertröstung auf das Diesseits" wie es Kardinal Kurt Koch, damals noch Bischof von Basel, einmal formuliert hat.

Kein Wunder, dass unsere Gottesdienste immer schlechter besucht werden. Die Liturgie und ihre Texte stammen noch aus einer Zeit, als der Mensch sich als Pilger auf dieser Erde, auf dem Weg zur ewigen Heimat verstand, als es noch galt nüchtern und wachsam zu sein, denn "Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann" (1 Petr 5,8). Die Liturgiereform hat viele alte Zöpfe abgeschnitten. An der Grundausrichtung auf Gott, auf das Geheimnis unserer Erlösung durch den Kreuzestod unseres Herrn hin und auf seine reale Gegenwart unter den Gestalten von Brot und Wein, konnte und durfte nichts geändert werden. Mangels Verkündigung aber verstehen viele Menschen nur noch sehr oberflächlich, wenn überhaupt, was hier geschieht. Ein Fest für den Menschen soll es sein, eine Feier von Gemeinschaft, auch wenn davon vorher und nachher oft so wenig zu spüren ist. Damit aber wird der Gottesdienst zu einem Angebot unter vielen und muss sich auf dem Markt der Freizeitangebote behaupten.

"Unser Leben sei ein Fest!" Ich glaube, wir müssen das wieder ganz neu, viel tiefer verstehen und verkünden lernen. Unser Leben aus dem Glauben ist ein Fest, das Fest unserer Erlösung. Unser Leben aus dem Vertrauen ist ein Fest, das auf dem festen Grund des Kreuzes steht. Unser Leben aus der Liebe ist ein Fest, ein Fest der Dankbarkeit für alles, was Gott, unser Vater, uns geschenkt hat und immer wieder schenkt, selbst wenn wir seine Gaben nicht immer als solche verstehen, besonders aber der Dankbarkeit für die Erlösung aus unseren Sünden, dafür, dass er "den Sohn dahingab um den Knecht zu erlösen" um uns so den Zugang zur ewigen Heimat wieder zu eröffnen.

"Unser Leben sei ein Fest!" auch wenn es im Endeffekt nur der Weg, die Vorbereitung auf das ewige Fest sein kann, das für uns vorzubereiten unser Herr in den Himmel aufgefahren ist. Deshalb sollen auch unsere Gottesdienste wieder neu ein Fest werden, ein Fest für Gott, ein Fest der Anbetung, des Lobes und des Dankes. So werden wir lernen, unser eigenes Ich zurück zu nehmen vor der ganzen Grösse und Herrlichkeit unseres so nahen und barmherzigen Gottes einerseits, aber auch vor der materiellen wie geistigen Not all unser Nächsten, die ja alle nichts anderes sind als wir, Kinder dieses dreifaltig einen Gottes.

"Unser Leben sei ein Fest!" Lehre uns Herr, dein Kreuz richtig zu verstehen und zu feiern.



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