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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Herr sei mit euch

Plädoyer für eine Entweltlichung der Liturgie

12. November 2015

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„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Herr sei mit Euch.“ So begann der Priester den Gottesdienst, um sofort anzufügen: „Ich begrüsse Euch alle recht herzlich … „ Was dann folgte war bereits so etwas wie eine erste Predigt. Des Langen und Breiten wurde erläutern, welchen Gedanken wir in dieser Feier behandeln werden, die Konsequenzen dieser Überlegungen waren dabei bereits angesprochen. Beim Bussakt wurden wir daran erinnert, dass wir alle immer wieder versagen. Von Sünde war nicht die Rede. Dann endlich, im Gloria kam auch die Ehre Gottes ins Spiel. Den Inhalt der Lesungen erahnten wir ja bereits. So waren diese nicht mehr viel anderes als eine weitere Hinführung zum Thema, das sich dann in der eigentlichen Predigt voll ausbreitete. Der Rest erweckte so den Eindruck einfach ein mehr oder weniger notwendiger Abschluss zu sein, zumal es auch dort persönliche Formulierungen und Einschübe des Priester gab mit dem Zweck, das Gehörte nochmals in Erinnerung zu rufen. Brutal gesagt erweckte das Ganze – wahrscheinlich ganz unbewusst – den Eindruck, nicht viel
mehr zu sein  als eine wohl ausgefeilte Rede, eingebettet in einen rituellen Rahmen. „Wieder einmal eine wirklich gute Predigt¨“ bemerkte dann auch ein Gottesdienstbesucher beim anschliessenden Kaffee im Gemeindehaus.

Nicht dass ich mir die lateinische Messfeier zurück wünsche. Auch die ordentliche Form unseres Ritus hat mir in Bezug auf meine eigene, persönliche Spiritualität sehr viel gegeben. Aber eine gewisse Entweltlichung dessen, was heute vielerorts praktiziert wird, würde ich mir doch wünschen. Anfangen könnte man damit, dass der Zelebrant die liturgischen Begrüssung wieder in den Vordergrund stellen und auf eine persönliche Grussadresse verzichten würde. Dann könnten auch alle „Verbesserung“ an der vorgegebenen Liturgie weggelassen werden. Das müsste natürlich die ersten Male erklärt werden, was wiederum eine gute Gelegenheit bieten würde darauf hinzuweisen, dass Gott, den Dreifaltige, im Zentrum jeden Gottesdienstes steht, und nicht der Priester, der ja nur der Diener aller ist. Dann würde sich auch der Zelebrant leichter daran erinnern, dass es nicht darum geht, einen Gottesdienst nach dem Geschmack der Anwesenden zu feiern, sondern zur grösseren Ehre und zum Lob Gottes. Dann könnte sich auch die Gläubigen wieder besser bewusst werden, dass hier das grosse Geheimnis unserer Erlösung durch den Tod unseres Herrn am Kreuz, vergegenwärtigt wird, und dass dieser gekreuzigte, gestorbene und auferstandene Christus nun real unter uns gegenwärtig wird und in der heiligen Kommunion ganz persönlich zu jedem Einzelnen von uns kommt.

Natürlich ist der Gottesdienst auch ein Dienst des Priesters an den ihm anvertrauten Gläubigen, aber nicht im Sinn eines Freizeitangebotes und/oder einer pychohygienischen Betreuung. Denn nur insofern als ein Gottesdienst wirklich ein Gottesdienst ist, dient er auch wahrhaft den Gläubigen.


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