Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Erfahrung des Heils

  Lk 1,76-79
 
Der Weg des Friedens

26. Dezember 2020
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Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; /
denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten.
Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken /
in der Vergebung der Sünden.
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes /
wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen
und im Schatten des Todes, /
und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.

«Wo jeder glaubt, seinen Senf dazu geben zu müssen, wird das Ganze ungeniessbar.» An diesen Aphorismus musste ich denken, als ich die Weihnachtsnummer unserer Zeitung las. Lesen ist zwar übertrieben. Das Blatt strotze nur so von Weihnachten. Aber bei den allermeisten Artikeln wusste man schon nach den ersten Sätzen, dass man sie nicht weiterzulesen brauchte. Bei einigen genügte auch schon der Titel und/oder der Name des Verfassers um zu wissen, aus welcher Ecke der Wind pfeift. Es gab zwar auch einige recht gute Ansätze. Aber bis zum tiefen Sinn von Weihnacht, bis zu dem, was wir an diesem Tag tatsächlich feiern, drang kaum einer vor.

In einem Artikel stellt der Autor zumindest fest, dass die Welt von heute mit diesem Fest eigentlich nichts mehr anzufangen weiss, dass es zu einem gesellschaftlichen Ritual verkommen ist. Ein anderer versuchte über den Begriff der Gemeinschaft, über Familie und ähnlichem diesem vom Kommerz in Beschlag genommenen Tag doch noch einen Sinn zu geben. Wieder ein anderer lag ganz auf der Linie des moralistisch-therapeutischen Deismus: «Dieser Wanderprediger wollte das geistige, emotionale, körperliche und soziale Wohl aller Menschen.» Dass dieser Jesus bisher diesbezüglich wenig bis gar nichts bewirkt hat, das schien ihm zwar irgendwie klar. Und trotzdem forderte er von seinen Anhängern ihre Sitzplätze zu verlassen, sich aufs Spielfeld zu begeben und sich dort zu bewähren. Doch warum sollen wir auf einen «Influencer» hören, der seit zweitausend Jahren tot ist, der also keine Ahnung von unserer heutigen Welt hat? Diese Frage stellte er wohlweislich nicht.

Ja, die Frage nach dem Sinn von Weihnachten lässt sich ohne die Gottesfrage nicht beantworten. Hinter Weihnachten steht der Glaube, oder dann mehr oder weniger gar nichts. Wo Gott im Spiel dieser Welt vom Platz gewiesen wird, da lässt sich dafür kein vernünftiger Sinn finden. Viele Menschen glauben zwar schon noch, dass es so etwas wie einen Gott gibt. Aber das genügt hier nicht. Dieser Gott, an den wir glauben müssen, wenn wir Weihnachten verstehen wollen, ist der dreifaltig eine Gott des Christentums. Nur dann wird aus diesem Kind in der Krippe Gott selbst, Gottes Sohn, unser Herr und Erlöser. Nur dann verstehen wir auch, was der Psalmist verkündete: «Ja, er wird Israel erlösen / von all seinen Sünden.» (Ps 130,8), was der Engel dem Heiligen Josef als Erklärung für die unbegreifliche Situation gab: «Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.» (Mt 1,21) und was dann in unserer Schriftstelle Zacharias in seinem Lobpreis mit den Worten aufnimmt: «Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken / in der Vergebung der Sünden.» Hier spricht Zacharias zwar von Johannes dem Täufer. Doch dürfte ihm klar gewesen sein: «Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?» (Mk 2,7) Deshalb spricht er von der Erfahrung des Heils. Andere Übersetzungen verwenden den Begriff «Erkenntnis des Heils». Man könnte vielleicht auch von der Vermittlung des Heils sprechen und dann den Boden weiter spannen zum Heiligen Busssakrament, in welchem die Priester des neuen Bundes im Auftrag und in der Vollmacht des Herrn die Pönitenten aus ihren Sünden erlösen.

Heil wurde schon oft und wird auch heute immer wieder versprochen. Zu erfahren ist meist sehr wenig davon. Das wahre Heil des Menschen nämlich besteht - und kann nur erfahren werden - in der Erlösung aus der Sünde. Selbstverständlich hätte Gott in seiner Allmacht diese Erlösung mit einem Wort bewirken können, so wie er auch mit einem Wort dieses widerspenstige Geschlecht auslöschen könnte. Weihnacht aber, dieses Kind in der Krippe, zeigt, dass Gott dafür nicht seine Macht ausspielt, sondern seine Liebe, die Ohnmacht seiner Liebe ins Spiel bringt. Gott hat dem Menschen als einzigem irdischen Wesen die Freiheit geschenkt. Er nimmt sie nie zurück. Deshalb kann und will er auch niemanden zwingen, diese Erlösung, die Vergebung der Sünde, anzunehmen.

Wer also die Erfahrung jenes Heils machen will, das Christus uns zu schenken gekommen ist, muss es aus freiem Willen annehmen. Oder anders gesagt, er muss mit seiner Liebe auf diese Liebe Gottes zu uns antworten. Dann, und nur dann, kann und wird er diese unendliche und schliesslich ewig beglückende Erfahrung machen. Das aber ist nur möglich, weil Gott uns in der Menschwerdung, im Leiden und Tod und in der Auferstehung seines Sohnes entgegen gekommen ist und immer wieder entgegen kommt. Das ist dann auch jene Freude, welche der Engel auf den Fluren zu Bethlehem den Hirten verkündet hat: «Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: «Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.»

«Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.» "Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried" mahnte der Heilige Bruder Klaus die zerstrittenen Eidgenossen. Wenn wir jetzt auf die Krippe blicken, was heisst das für uns und unsere zerstrittene Welt und Kirche von heute?

 
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