Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Christliche Nächstenliebe  

Symptom- oder Wurzelbehandlung?

26. November 2014

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Eine Aussage unseres Heiligen Vaters ganz zu Beginn seines Pontifikates beschäftigt mich je länger je mehr: „Wenn wir nicht mit dem Kreuz Christi zu den Menschen kommen, sind wir keine Jünger des Herrn.“ Liegt nicht darin der Unterschied zwischen dem Humanismus und der christlichen Nächstenliebe?

Nun flattern sie uns wieder massenhaft in die Briefkästen, die Spendenaufrufe der vielen Hilfswerke und anderer Organisationen. Alle dokumentieren uns, wie sehr sie benötigt werden, und wie sehr sie dafür auf unsere Spende angewiesen sind. Der grösste Teil von ihnen dürfte wirklich von Idealismus und einem grossen Engagement ihrer Mitarbeiter getragen sein, auch wenn die oft aggressive Werbung dies manchmal zu widerlegen scheint. Auf den ersten Blick gibt es, ausser im Namen und dem Leitbild, vielfach kaum Unterschiede zwischen den christlichen und den anderen. Alle packen ganz konkrete Probleme und Nöte an. Die wenigsten jedoch, so scheint es, legen den Schwerpunkt auf den Kampf gegen die wahren, die tieferen Ursachen. Eine solche vordergründige Orientierung aber ist Symptombehandlung, nicht Wurzelbehandlung. Sie ist humanistisch, nicht christlich.

Christliche Nächstenliebe orientiert sich an Christus, dem Herrn. Wie uns der Verkündigungsengel sagt, ist er in die Welt gekommen, nicht um Israel aus der Knechtschaft der Römer zu befreien, sondern „um sein Volk aus seinen Sünden zu erlösen“. Christus hat viele Menschen geheilt, aber niemandem eine heile Zukunft versprochen. Er selbst und seine Jünger haben Almosen gegeben, vermutlich nicht zu knapp. Aber niemanden hat er reich oder mächtig gemacht. Es gab zu seiner Zeit genauso viel Ungerechtigkeit und Unterdrückung wie heute. Er aber hat nie zu Gewalt aufgerufen, sich keiner Widerstands- oder Umsturzbewegung angeschlossen. Seine „Medizin“ gegen das Unheil in dieser Welt war klar und einfach: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ an die Adresse aller Menschen, an jeden Einzelnen von uns. Er war sich bewusst, dass die wahre Ursache allen Übels die Sünde ist, der Ungehorsam gegen Gottes Willen, der Egozentrismus und der Egoismus. Um diese zu besiegen liess er sich ans Kreuz heften. Seine Waffe war die Liebe, die Liebe bis zum Tod für uns.

Sicher, auch die christliche Nächstenliebe packt die Probleme an, hilft konkret und gezielt in den Nöten der Menschen. Sie tut es aber nicht aus irgendwelchen humanistischen Idealen, oder aus der Utopie heraus, eine bessere Welt schaffen zu können. Sie tut dies, weil sie darin den Willen Gottes sieht, der uns Menschen voneinander abhängig geschaffen, in dessen Plan die gegenseitige Hilfe ein zentrales Element des geglückten Zusammenlebens unter uns Menschen ist. Sie tut dies einerseits, um den eigenen Egoismus in die Schranken zu weisen, und andererseits um auch die anderen in diese Gemeinschaft der Liebe einzuladen. Sie vergisst dabei auch die seelische Not so vieler unserer Mitmenschen nicht, ihren Hunger nach Gott. Sie tut dies auch, weil „die Liebe viele Sünden zudeckt“. Und sie tut es nicht zuletzt im Bewusstsein der Erlösung, der Tatsache, dass die Liebe Christi am Kreuz die Sünde der Welt hinweg nimmt, und so das Reich Gottes schafft, noch unvollkommen hier und jetzt, weil wir alle immer wieder unsere Freiheit missbrauchen, vollkommen in der ewigen Heimat, von der unsere Liebe dem Nächsten einen Vorgeschmack geben soll.

Wenn wir nicht mit dem Kreuz Christi zu den Menschen kommen, sind wir keine Jünger des Herrn!


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