Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Das vergessene Gebot

  Mt 22,35-40
 
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.

21. Juli 2017
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Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

Es war eine jener heute häufigen Predigten, in denen die liturgischen Tagestexte dazu gebraucht werden, um Nächstenliebe zu predigen. Ich war nicht so ganz bei der Sache. Meine Gedanken schweiften ab und landeten bei der Stelle in Mt 22,35-40 und damit bei der Frage: Was heisst eigentlich den Nächsten lieben wie sich selbst? Es gibt zwei mögliche Interpretationen. Zum einen kann es heissen, du sollst nicht nur deinen Nächsten lieben, sondern auch dich selber, du sollst vor lauter Nächstenliebe dich selber nicht vergessen. Diese Gefahr ist relativ klein. Meist vergessen wir eher die Nächstenliebe als die Eigenliebe. Zum anderen könnte es bedeuten, du sollst deinen Nächsten lieben in der Art und Weise, mit jener Intensität, mit welcher du dich selber liebst. Aber was machen dann z.B. Menschen, die sich selber hassen?

Nun, die Nächstenliebe ist, gemäss diesem Text, erst das zweite, wenn auch ebenso wichtige Gebot. Die Frage ist also, wie wichtig, wie christlich ist sie ohne das wichtigste, das erste. “Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ Dieses aber ist so radikal und allumfassend formuliert, dass man sich jene Nächstenliebe, welche mit dem zweiten Gebot gemeint ist, logischerweise nicht anders vorstellen kann, als eingebettet in unsere Liebe zu Gott. Wenn wir mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unseren Gedanken Gott anhangen, dann kann sie sich doch nicht ausserhalb unserer Liebe zu Gott bewegen.

Dann aber kann oder sollte sich unsere Eigenliebe ebenfalls nicht ausserhalb unserer Liebe zu Gott bewegen. „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28) So lässt sich denn der letzte Satz: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“, ja der ganze Text zusammenfassen in der Feststellung: Liebe Gott, und alles andere wird dir hinzu gegeben.

Doch was heisst denn Gott zu lieben? Eine Theorie kann es nicht sein, ein reines Gefühl ebenso wenig. Im Text steht: „Du sollst!“ Die richtige Antwort darauf aber heisst: „Ja, ich will.“ Und das ist für uns ebenso verpflichtend wie tröstlich. Einerseits, ich muss nicht, es ist mein freier Wille. Andererseits, ich muss noch nicht perfekt sein. Wir wissen, dass wir das erst in der ewigen Heimat sein werden. Ich darf Mühe haben. Ich muss mich nur bemühen, bemühen um eine gute Beziehung zu Gott. Denn wenn ich mich wahrhaft und ehrlich darum bemühe, werde ich mich auch wahrhaft und ehrlich um eine gute Beziehung zu meinem Nächsten bemühen, und auch zu mir selbst.


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