Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gottes Gerechtigkeit ist wahr

  (Tob 3,2  / Ps 33,20-21).
 
Wir dürfen ihm vertrauen

30. November 2020
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Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit.

Unsere Seele hofft auf den Herrn; er ist unsere Hilfe und unser Schild. Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Die zuversichtliche Erwartung des Herrn lasse uns in den dunklen Momenten des Daseins Trost und Mut finden, sagte jüngst unser Heiliger Vater in seiner Predigt. Ja, es gibt viele dunkle Momente des Daseins, in denen wir Trost und Mut brauchen und in denen wir sagen dürfen, ja sollen: „Unsere Seele hofft auf den Herrn; er ist unsere Hilfe und unser Schild. Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.» (Ps 33,20-21)

Eine Art dieser dunklen Momente, welche wir am liebsten verdrängen, sind jene, in welchen wir in Sünde und Schuld gefallen sind. Doch, wenn auch in der Verkündigung, nicht zuletzt in der Verkündigung von früher, Sünde und Schuld kaum je mit solchen Stellen der Schrift in Verbindung gebracht werden und wurden, so glaube ich doch, dass wir gerade dann solche am meisten brauchen. Mir kommt dabei oft Tob 3,2 in den Sinn: «Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit.»

Die Gerechtigkeit Gottes besteht ja nicht nur darin, dass er unsere Sünden bestraft. Sie besteht noch weit mehr darin, dass er immer alle Umstände in seinem Urteil berücksichtigt, nicht nur die erschwerenden, sondern auch jene, welche zu unseren Gunsten sprechen. Sie besteht darin, dass er unser Bemühen mit berücksichtigen kann, selbst wenn wir schliesslich trotzdem versagt haben. Und sie besteht nicht zuletzt auch darin, dass sie sozusagen zur Barmherzigkeit wird, wenn wir unsere Schuld einsehen, umkehren zu ihm und bekennen: «Vater, ich habe gesündigt!» (vgl. Lk 15,21) Das ist es, was wir darunter verstehen müssen, wenn die Schrift davon spricht, dass Gottes Gericht wahr sei.

Es ist eine Erfahrung «aller Zeiten, aller Zonen», dass der Mensch dazu neigt, seine eigene Schuld zu verharmlosen oder gar zu leugnen, die Schuld anderer aber mit der Lupe suchen und wenn möglich mit dem Scheinwerfer ausleuchten. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass früher die Barmherzigkeit unseres Herrn gerne vergessen ging. Das rechtfertigt es aber heute nicht, mit der Barmherzigkeit Gottes seine Gerechtigkeit zu verharmlosen. Die richtige Haltung wäre es, uns immer und in jeder Situation bewusst zu bleiben, dass Gottes Gerechtigkeit – wie übrigens auch seine Barmherzigkeit – immer wahr sind. Sie beruhen auf der Wahrheit, auf der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit.

Menschliche Gerechtigkeit – aber auch seine Barmherzigkeit – können das kaum je. Der Mensch neigt in allem zu Einseitigkeiten, stösst überall an seine Grenzen. Doch Gott ist grösser. Seine Entscheide und Handeln sind und bleiben für uns schlussendlich immer über weite Strecken ein Geheimnis. Ja, die ganze Beziehung von uns als Geschöpfe zu ihm unserem Schöpfer und Herrn ist und bleibt immer irgendwie ein Geheimnis. Und doch – oder gerade deswegen - ist diese ganze, allumfassende Grösse Gottes der Schlüssel für unser Vertrauen auf den Herrn in jeder Lebenslage, bis hinein in Sünde und Schuld. Und wenn wir dann noch dazu nehmen, dass er auch unsere Hilfe und unser Schild sein will, wie der Psalmist sagt, wird selbst sein Gericht für uns ein Grund zur Freude.

«Heiligkeit ist die tiefe Beziehung zu Gott, ein wunderbares und unergründliches Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen.» Man kann diese Definition sicher auch auf unsere Frage anwenden. Dann kann unser Herz sich freuen. Dann soll unsere Zunge ihn loben. Und am besten gelingt das, wenn wir nie vergessen, Gott immer und für alles zu danken.
 
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