Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Das Weltgericht

  Mt 25,31-46
 
Kommt ihr Gesegneten meines Vaters

01. Februr 2021
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Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.  …  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

Als ich mich wieder einmal mit dieser Schriftstelle vom Weltgericht beschäftigte (Mt 25,31-46) fiel mir plötzlich auf, dass sich der Herr in dieser Beschreibung zuerst an die «Schafe» zu seiner Rechten wendet. Und, «Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid» ist der erste Satz seines Richterspruches. In meiner Jugendzeit stand meist das Urteil über die «Böcke» zu seiner Linken im Vordergrund. Heute wird oft sogar gar nicht mehr über dieses Weltgericht geredet. Ich glaube, beides ist allzu einseitig. Wir nennen unseren Glauben katholisch, allumfassend. Deshalb sollen wir uns bemühen, möglichst immer alle Aspekte ins Spiel zu bringen.

Wenn wir dies in unserem Fall versuchen, so fällt zuerst einmal auf, dass Gottes Gerechtigkeit nicht nur - ja nicht einmal zuerst - in einem Verurteilen besteht. Das wurde früher, und wird sogar heute noch so dargestellt, wenn es darum geht all die Stellen der Schrift, bei welchen die Konsequenzen unseres Fehlverhaltens, unserer Sünden, aufgezeigt werden, als «Drohbotschaft» zu diskreditieren. Dabei zeigt doch gerade diese Schriftstelle hier, dass Gottes diesbezügliche Handeln im Grunde einfach ein Beurteilen ist. Der Herr stellt als erstes einmal fest, welche zu jenen gehören, von welchen er gesagt hat: «Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich», und welche nicht. (vgl. Mt 5,3), oder um eine andere Schriftstelle zu gebrauchen: «welche ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiss gemacht haben» und welche nicht. (vgl. Offb 7,14). Die Frage, wer objektiv was getan hat und wer was nicht, kommt erst in der Urteilsbegründung zur Sprache.

Die Unterscheidungskriterien für den Zugang zur ewigen Heimat sind also die Armut im Geiste einerseits und andererseits das Waschen der Kleider im Blut des Lammes, wenn wir dem ersten Kriterium nicht gerecht geworden sind. Bleiben wir einmal beim arm sein vor Gott. Das sind wir im Grunde genommen eigentlich alle, weil wir Geschöpfe sind. Hätte der Mensch dieses Bewusstsein nicht mit der Erbschuld verloren, er wäre nicht dem Leiden und dem Tod in dieser Welt ausgesetzt, würde er nicht dazu neigen, reich sein zu wollen vor oder gar ohne Gott, nicht auf Gott angewiesen zu sein. Nichts anderes war doch die Versuchung der Schlange: «Ihr werdet sein wie Gott». Und nichts anderes ist all unser Fehlverhalten, sind all unsere Sünden, als selbst wissen zu wollen, was gut und was böse ist. Damit trennen wir uns von Gott. Damit verlassen wir den Weg zu ihm und werfen wir das uns geschenkte Hochzeitskleid weg, das uns schliesslich das Tor zum ewigen Festmahl öffnet.

Aus freiem Entschluss, aus Gnade, sandte Gott, als die Fülle der Zeit gekommen war, seinen Sohn, als jenes Lamm, in dessen Blut wir unsere Kleider waschen und wieder weiss machen können. Hier zeigt sich jene Art der Beziehung, welche Gott mit uns haben will. Es ist eine Beziehung in Freiheit. Durch sein Handeln macht er es möglich, dass wir auf sein Handeln antworten, auf sein Entgegenkommen eingehen, unsererseits die nötigen Schritte auf ihn hin machen können. Er zwingt sich uns aber nicht auf. So wie er auch nicht durch ein Allmachtswort unsere Stammeltern von ihrem verhängnisvollen Entscheid abgehalten hat, so lässt er auch uns diese Freiheit. Auf der einen Seite rüstet er uns immer wieder mit der nötigen Kraft, mit den nötigen Gnaden aus. Auf der anderen Seite greift er damit nicht in unsere Freiheit ein. Er weiss, dass wir ihn bauchen. Er will aber, dass auch wir das nie vergessen. Und weil wir das in unserer Schwäche, unserer Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit oder gar unserer Bosheit immer wieder tun, hat er uns jene Quelle geschenkt, die Erlösung, das Blut des Lammes, in welcher wir immer wieder rein, ganz neu arm vor ihm werden können. Er will und wird uns dabei helfen. Aber nicht gegen unseren Willen.

Nun müsste man noch auf die Frage der Sünde, auf die Gebote und vieles andere mehr eingehen. Das aber würde hier zu weit führen. Unsere Schriftstelle begnügt sich damit, auf das Gebot der Nächstenliebe zu verweisen. Dass es auch dabei immer zuerst um unsere Liebe zu Gott geht, dass wir auch die Nächstenliebe nur wirklich leben können aus unserer Beziehung zu Gott heraus, das wird als selbstverständlich vorausgesetzt. «An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.» (Mt 22,40). Das richtige Verständnis aber für diese Zusammenhänge bekommen wir wohl nur, wenn wir uns immer bewusst bleiben: «Heiligkeit ist tiefe Beziehung zu Gott, ein wunderbares und unergründliches Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen.» 

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