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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Echte Geschwisterlichkeit

die Nächstenliebe
 
8. Februar 2021

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«Angesichts weltweiter Gleichgültigkeit muss es nach Aussage des Papstes der Menschheit gelingen, echte Geschwisterlichkeit aufzubauen. "Wir können es ruhig so sagen: entweder Geschwister oder Feinde", warnte das Kirchenoberhaupt bei einer Online-Veranstaltung zum UN-Welttag der Geschwisterlichkeit am Donnerstag. Sich nicht zu kümmern, sei eine "subtile Form der Feindschaft", so der Papst. Es müsse Schluss sein mit der "Technik des Wegschauens, sich um andere nicht zu kümmern".

So lautete ein Kommentar zum diesjährigen Welttag der Geschwisterlichkeit. Es müsse Schluss sein mit der "Technik des Wegschauens, sich um andere nicht zu kümmern». Ja, wir leben heute in einer sehr egozentrischen Welt, einer Welt in welcher - wie mein Freund zu sagen pflegt - «Jeder denkt an sich, nur ich denke an mich.» Dabei gab es wohl noch nie so viele Hilfswerke wie heute, so viele Sammlungen und Aktionen für einen gute Zweck, so viel Aufrufe zu mehr Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit. Man fragt sich schon, wie das zusammen geht. Ist es vielleicht so, dass unser ganzer Aktivismus auf diesem Gebiet oft nur eine Beruhigungspille ist für unser schlechtes Gewissen? Ich auf alle Fällt habe mich auch schon dabei ertappt.

Dass dieses Wegschauen eine subtile Form der Feindschaft sei, das würde ich so nicht behaupten. Nach meinen Erfahrungen handelt es sich dabei mehr um eine Gleichgültigkeit gegenüber den Nächsten, welche ihre Wurzeln in unserem Egozentrismus hat. Richtig scheint mir, dass es sich dabei um eine Frage der Geschwisterlichkeit handelt. Das aber wirft dann die Frage auf, was Geschwisterlichkeit genau sei, oder besser, was wir in diesem Kontext darunter verstehen müssen.

Die Geschwisterlichkeit - damals noch Brüderlichkeit genannt - der französischen Revolution, oder jene des Kommunismus und ähnlicher Ideologien kann es nicht sein. Beide liefen schliesslich auf die Maxime hinaus: «Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.» Ein Denken und Handeln in Freund / Feind Kategorien ist im Grunde auch nichts anderes als Egozentrismus. Dahinter steht die einfache Frage: «Nützt er mir oder schadet er mir?» Echte, christliche Geschwisterlichkeit sieht anders aus.

Der Christ sollte eigentlich immer und überall sich von der Frage leiten lassen: «Was will Gott?» Das wäre der Idealzustand. Dass die meisten von uns noch weit davon entfernt sind, wird wohl niemand bestreiten. Unser Glaube lehrt die Erbschuld als tiefste Ursache davon. Eine vernünftigere Erklärung habe ich bisher noch nirgends gefunden. Doch hier darauf einzugehen, das würde zu weit führen. Das sollte uns jedoch warnen, aus dem Begriff Geschwisterlichkeit eine Fata Morgana zu machen, der wir nachrennen, und dabei das Entscheidende, das ewige Heil aller Menschen, vernachlässigen.

Besser als von Geschwisterlichkeit wäre es wohl von Nächstenliebe zu sprechen. Auch das ist zwar wiederum ein Begriff, über den man ganze Bücher schreiben könnte. Deshalb möchte ich zum Schluss uns allen einfach einen Spruch zu bedenken und zur Gewissenserforschung mitgeben: «In der Geschwisterlichkeit dieser Welt, gibt es nur entweder Geschwister oder Feinde. In der christlichen Nächstenliebe sind selbst unsere Feinde unsere Geschwister.»


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