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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Leben aus dem Glauben

was heisst das?
22. Juli 2019
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Vom Leben aus dem Glauben ist heute relativ oft die Rede. Meist sind dann die leiblichen Werke der Barmherzigkeit gemeint. Aber ist das schon Leben aus dem Glauben?

«Die wichtigste Voraussetzung für ein Leben aus dem Glauben ist der Glaube.» schrieb kürzlich ein Aphoristiker in seinem Twitter. «Eine Binsenwahrheit» ist man versucht zu sagen. Wenn man aber in die moderne Verkündigung hinein hört, so fehlt doch meist der Hinweis auf diese Binsenwahrheit. Mag sein, dass das einfach als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Persönlich habe ich aber nicht selten den Eindruck, dass die Rede von den Werken nur allzu gerne dazu dient, um nicht vom Glauben sprechen zu müssen.

Heute vom Glauben zu sprechen ist nicht leicht. Früher kannte noch jeder Gläubige «seinen Katechismus». Nun muss man schon fast bei Adam und Eva beginnen, wenn man die Glaubenswahrheiten unserer Kirche verständlich erklären will. Das Glaubenswissen ist sozusagen unter das Existenzminimum gesunken. Und doch, wie will ich aus dem Glauben leben, wenn ich nicht weiss, was dieser Glaube sagt, was ich (noch) glauben soll und was nicht (mehr)? Ohne einen konkreten Glauben lebe ich aus dem Bauchgefühl heraus, versinke ich in den Relativismus. Neuevangelisation ist also der erste Schritt um den Menschen wieder ein Leben aus dem Glauben zu ermöglichen.

Nicht dass die Werke der leiblichen Barmherzigkeit nicht auch zu einem Leben aus dem Glauben gehörten. Sie sind sozusagen integrierender Bestandteil davon. Sie können aber auch ohne den Glauben, ohne eine Beziehung zu Gott, gelebt, und sogar sehr authentisch gelebt werden im Bemühen, ein (moralisch) guter Mensch zu sein. Doch christlich werden sie erst, wenn sie aus der Liebe zu Gott heraus fliessen, wenn sie den Willen Gottes zu erfüllen suchen. Dies zum einen.

Zum anderen ist zu sagen, dass diese leiblichen Werke nur ein Teilbereich sind. Es gibt auch noch die geistlichen Werke der Barmherzigkeit, auch wenn sie in der modernen Verkündigung kaum noch vorkommen. «Die Sünder zurechtweisen» zum Beispiel steht nach wie vor auf dieser Liste, auch wenn dies heute von vielen - auf Grund der modernen Verkündigung von «Gottes bedingungsloser Barmherzigkeit» - bereits als unbarmherzig empfunden wird. (Ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn das Glaubenswissen, wenn die Glaubensgrundlagen fehlen.)

Und nicht zuletzt: Zu einem Leben aus dem Glauben gehört zuerst eine alltagstaugliche, konkrete und persönliche Gottesbeziehung. Ein Gott für den Sonntag, oder vielleicht sogar nur für die hohen Feiertage, oder wenn ich gerade einmal ein Bedürfnis nach Spiritualität und Religion habe, ergibt kein echtes Leben aus dem Glauben. Oder ein Gott, der erst dann zum Zug kommt, wenn er mir helfen soll, kann kaum die Grundlage für ein Leben aus dem Glauben sein. Und umgekehrt, wenn ich ein ständiges Hochgefühl von Gott erwarte, bleibt mein Leben aus dem Glauben kaum je von Ernüchterungen und Enttäuschungen verschont.

Leben aus dem Glauben heisst also zuerst: «Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.» Und dann: «Herr, Dir gehört meine Liebe. Stärke sie, dass sie immer mehr in mir entbrenne. Herr, in Deine Hände lege ich mein Leben. Führe und leite es, damit ich immer besser erkenne, was Du in der konkreten Situation, hier und jetzt, an dem Platz, an den Du mich gestellt hast, von mir erwartest. Herr, hilf mir, Dir für all deine guten Gaben zu danken, für jene, welche ich als solche erkenne, aber auch jene, welche ich noch nicht begreife.

Es gäbe noch viel zu sagen, zu präzisieren und zu ergänzen. Doch könnte man vielleicht all das in einem Satz zusammenfassen: «Leben aus dem Glauben ist Leben aus der Dankbarkeit Gott gegenüber.» Dankbarkeit ist ein anderes Wort für Liebe. Dankbarkeit ist auch dann noch möglich, wo der Verstand rebelliert und das Herz schweigt. Und Dankbarkeit leitet uns an zu Werken, welche unserem Herrn und Gott gefallen.


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