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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Was ich nicht glaube

ein etwas anderes Glaubensbekenntnis
 

13. Januar 2017

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Atheisten glauben nicht an Gott. Ich glaube. Ich glaube an den dreifaltig einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, wie ihn das christliche Glaubensbekenntnis uns zu glauben vorlegt. Aber ich glaube nicht alles, was „man“ heute über ihn zu glauben scheint.
 
Ich glaube an einen personalen, sich offenbarenden und in der Geschichte handelnden Gott. Ich glaube nicht einfach an irgendeine höhere Macht oder eine mehr oder weniger undefinierbare spirituelle Kraft, oder nur ein grosses Geheimnis.
 
Ich glaube, dass Gott uns ganz nahe ist. Aber ich glaube nicht, dass er uns so nahe ist, dass wir seine ganze Grösse, Macht und Herrlichkeit nicht mehr wahrnehmen können und deshalb nicht mehr ernst zu nehmen brauchen. Ich glaube, dass wir ihm immer mit dem gebührenden Respekt und in Ehrfurcht begegnen müssen.
 
Ich glaube, dass Gott nicht auf unsere Zeichen der Anbetung, der Ehrerbietung und der Liebe, auf unsere guten Taten und unsere Opfer und auf all unsere Gebete angewiesen ist. Ich glaube aber nicht, dass wir das alles tun oder lassen können wie es uns beliebt. Ich glaube auch nicht, dass das nur für unsere psychologische Wellness nützlich ist. Ich glaube, dass wir das alles brauchen um nie zu vergessen, dass Gott wahrhaft Gott ist, der allein Heilige, der allein Höchste, unser Herr.
 
Ich glaube, dass Gott uns Menschen diese Schöpfung anvertraut hat. Aber ich glaube nicht, dass wir Menschen aus eigener Kraft eine bessere Welt hier und jetzt zu schaffen vermöchten, wenn nur alle (anderen) etwas mehr guten Willen zeigen würden. Ich glaube nicht, dass die Erbschuld einfach ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten ist.
 
Ich glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Aber ich glaube nicht, dass das ewige Heil ein Automatismus, eine Schuldigkeit Gottes uns gegenüber ist.
 
Ich glaube, dass die ewige Heimat für uns das höchste Glück sein wird. Ich glaube aber nicht, dass dieses Glück darin bestehen wird, dort machen zu können, was wir wollen und unsere eigenen Wünsche allzeit erfüllt zu sehen. Ich glaube, dass wir dort jenes Glück erleben werden, das darin besteht, ganz in Einheit mit Gottes Willen zu sein.
 
Ich glaube an die Freiheit des Menschen, auch vor Gott. Aber ich glaube nicht, dass wir Gott keine Rechenschaft darüber ablegen müssen, wie wir mit dieser Freiheit umgehen.
 
Ich glaube an die Barmherzigkeit Gottes. Aber ich glaube nicht an jene bedingungslose Barmherzigkeit, welche sagt: „Geh und sündige ruhig weiter.“ Ich glaube nicht an eine Barmherzigkeit, welche auf Einsicht und Reue verzichtet und nicht zumindest den ernsthaften Willen zur Umkehr fordert.
 
Ich glaube, dass Gott vergibt. Ich glaube aber nicht, dass mit dieser Vergebung die Tat selber weggewischt und die Konsequenzen aufgehoben werden. Ich glaube auch nicht, dass diese Vergebung ein Freipass ist, weiterhin in der Sünde zu verharren, oder ein Grund um auf Umkehr und Wiedergutmachung zu verzichten.
 
Ich glaube, dass Gott unsere Schwächen kennt. Ich glaube aber nicht, dass er nicht auch genau weiss, zu was wir fähig sind und zu was nicht, und dass er das, wozu wir fähig sind, nicht ganz klar von uns erwartet, ja fordert.
 
Ich glaube, dass Gott uns liebt. Ich glaube aber nicht, dass es ihm gleichgültig ist, ob und wie wir seine Liebe erwidern. Ich glaube nicht, dass es ihm nichts ausmacht, wenn uns alle anderen und alles andere wichtiger ist als er. Ich glaube, dass Gott ein eifersüchtiger Gott ist, der eine beständige, gegenseitige und intensive Beziehung mit uns pflegen will.
 
Ich glaube, dass Gott unser liebender Vater ist. Geradedeshalb glaube ich nicht, dass er uns seine Gebote zum seinem Privatvergnügen gegeben hat, oder als unverbindliche Vorschläge, sondern damit „es uns wohl ergehe und wir lange leben auf Erden“.
 
Ich glaube, dass Gott unsere Bitten hört und erhört. Ich glaube aber nicht, dass er uns den Skorpion gibt, wenn wir um einen solchen bitten. Ich glaube aber, dass er uns stattdessen den Fisch gibt, den wir nötig haben, auch wenn das uns im Augenblick nicht besonders erfreut.
 
Ich glaube, dass die Eucharistie Zentrum und Höhepunkt unseres Glaubens ist. Ich glaube aber nicht, dass diese einfach nur eine (mehr oder weniger) heilige Mahlgemeinschaft ist. Ich glaube nicht, dass die Rede vom „heiligen und lebendigen Opfer, das wir darbringen“ einfach eine Floskel aus einer längst überholten Spiritualität ist. Ich glaube, dass dieses heilige Geschehen die reale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers unseres Herrn ist.
 
Ich glaube an die Gegenwart unseres Herrn in Brot und Wein. Ich glaube aber nicht, dass diese Gegenwart eine rein geistige oder gar rein symbolische ist. Ich glaube nicht, dass es die ganze Wahrheit ausdrückt, wenn wir vom nur vom „Heiligen Brot“ sprechen. Ich glaube an das, was wir Realpräsenz nennen.
 
Ich glaube an die eine Taufe. Ich glaube aber nicht, dass diese einfach ein Aufnahmeritual in die Gemeinschaft der Kirche darstellt. Ich glaube nicht, dass wir die Aussage „zur Vergebung der Sünden“ einfach ignorieren dürfen. Ich glaube an das Wirken Gottes in den Sakramenten.
 
Ich glaube, dass unser Glaube ein sehr umfassender, vielseitiger ist, dass jeder Mensch darin seine eigene, ganz persönliche Spiritualität leben kann und leben darf. Ich glaube aber nicht, dass dieser Glaube eine „Auswahlsendung“ darstellt, aus der wir uns aussuchen können, was uns passt und weglassen, was uns nicht passt. Ich glaube, Gott erwartet von uns, dass wir uns bemühen, um mit der Hilfe des Heiligen Geistes immer tiefer in die ganze Fülle der Wahrheit einzudringen.
 
Herr, hilf mir, aus diesem Glauben zu leben.
 

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