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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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"Wir haben doch alle den gleichen Gott!"

Aber nicht alle glauben ihm

16. Mai 2016

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„Wir haben doch alle den gleichen Gott!“ Wie oft hören wir nicht diesen Satz und es beschleicht uns ein ungutes Gefühl. Ein Blick in die Welt genügt doch, um zu sehen, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Das Problem ist wohl, dass diese Aussage zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Wenn damit gesagt wird, dass es nur einen, den einen Gott und Herrn, den Schöpfer des Himmels und der Erde gibt, dann lässt sich sicher nichts dagegen einwenden. Wenn aber gesagt werden soll, dass jeder, der irgendwie an einen Gott glaubt, bewusst oder unbewusst schon diesen Gott meint, dann stimmt das eben nicht. Die Menschen nennen vieles Gott, was nicht Gott ist. Wer zu den Naturgewalten betet, verwechselt das Geschöpf mit dem Schöpfer. Wer vor irgendwelchen Götzen niederfällt, der betet das Werk menschlicher Hände an. Wer sich der Selbstoffenbarung Gottes verschliesst oder diese verfälscht, der nennt ein Produkt menschlicher Fantasie seinen Gott. Und wer die Existenz Gottes leugnet, der verweigert Gott, seinem Herrn, die Anerkennung und den Gehorsam.

Wie kann Gott so etwas zulassen? In seiner Allmacht wäre es ihm doch möglich, sich jedem Einzelnen so zu offenbaren, dass keiner sich dieser Erkenntnis verschliessen kann. Doch dann wäre der Mensch nicht mehr frei. Er würde wissen und müsste nicht mehr glauben. Gott aber will unseren freien Glauben an ihn. Gott will, dass wir ihm und seiner Offenbarung glauben. Oder er hätte dem Menschen die Erkenntnis, dass es ihn gibt, ganz verschliessen können, sodass er gar nicht nach Gott fragen, dass er ihn nicht suchen und nicht in eine Beziehung zu ihm treten könnte. Dann aber wäre der Mensch eine Kreatur wie jede andere.

Warum aber hat sich dann Gott nicht so offenbart, dass jeder Mensch den vollen Zugang zu seinem Geheimnis hat, dass er sich einfach nur frei zu entscheiden bräuchte: „Ja, ich glaube.“ oder „Nein, ich glaube nicht.“? Wenn wir die biblische Geschichte des Sündenfalls heran ziehen, dann sehen wir, dass dem am Anfang so war. Und dann missbrauchte der Mensch seine Freiheit für ein „Nein, ich glaube nicht. Das mit dem Sterben, wenn wir von diesem Baum essen, das ist eine Lüge, um uns zu schikanieren, um uns etwas vorzuenthalten.“ Daraufhin verwies Gott den Menschen aus dem Paradies, aus jenem Ort, wo er ihm direkt begegnen konnte, in eine Welt wo er ihn immer und immer neu suchen muss. Er lässt sich zwar finden, aber nur wie unter Dornen und Disteln.

Damit aber der Mensch ihn wieder besser, leichter finden könne, sandte Gott, als die Zeit erfüllt war, seinen Sohn, damit er uns erlöse. Aber auch dann sandte er ihn nicht „mit grosse Macht und Herrlichkeit“ sondern als Mensch, gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, um ja nicht unsere Freiheit anzutasten. Und dieser sandte dann seine Jünger, ihn zu verkünden, bis an die Enden der Erde, wiederum nicht als „Herrn über euren Glauben“ (vgl. 2.Kor 1,24). Dass der so ausgestreute Samen auf vielerlei Boden fällt, dass nur ein Teil Frucht bringt, auch das gehört zum Geheimnis unserer Freiheit und zum Geheimnis des Bösen in der Welt. Auch das lässt sich nur im Glauben an Gott und an sein Wort irgendwie begreifen. Und dass sogar jene versagen, die der Herr ausgesandt hat, dass auch ihretwegen Irrtümer und Unglaube in diese Welt kommen und sich verbreiten können, auch lässt sich nur damit erklären, dass Gott, der Allmächtige, über Zeit und Raum steht, dass er in der Lage ist in absoluter Gerechtigkeit zu richten und gleichzeitig absolute Barmherzigkeit walten zu lassen. „Wer es fassen kann, der fasse es.“



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