Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die bedingungslose Barmherzigkeit

 Lk 1,50-51

  Barmherzig ist er allen, die …

30. Juli 2018
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Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht /
über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: /
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.


Ich mag das Gerede von der bedingungslosen Barmherzigkeit Gott nicht mehr hören. Täglich betet die Kirche im Magnificat: "Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten." Wenn das keine Bedingung ist! Die Aussage der Schrift ist also klar. Gott schenkt seine Barmherzigkeit nicht nach dem Giesskannenprinzip. Die Bedingung ist und bleibt die Gottesfurcht.

Selbstverständlich, die fragliche Aussage kann auch richtig verstanden werden. Wenn man die Gottesfurcht voraussetzt, dann macht sie durchaus Sinn. Es gibt dann keine weiteren Bedingungen mehr. Im "finsteren Mittelalter" konnte man wahrscheinlich noch von der Selbstverständlichkeit der Gottesfurcht ausgehen. Heute, wo das Schlagwort von der Drohbotschaft das Bewusstsein für jene, Gott angesichts seiner ganze Grösse und Herrlichkeit geschuldete Ehrfurcht zerstört, den Gedanken an die Gerechtigkeit Gottes - an die letzten Dinge wie man damals sagte - ausgelöscht, und die Sünde zum blossen Versagen verniedlicht hat, ist das nicht mehr möglich.

Was aber ist die Gottesfurcht? Wenn wir wirklich an Gottes Liebe zu uns glauben, brauchen wir keine Angst vor Gott zu haben. Was ihm aber gebührt sind Dank, Lob und Ehre. Dann fürchten wir nicht Gott, dann fürchten wir unsere eigene Schwachheit, unsere Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit, unsere Sünden. Dann sind wir uns bewusst, dass wir ihm Rechenschaft schuldig sind für all unser Tun und Lassen, Reden und Denken, kurz für unsere ganze Haltung ihm, und dann auch unseren Nächsten gegenüber. Dann verstehen wir auch was der Herr sagt: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." (Joh 14,21)

So gesehen könnte man auch sagen, Gottesfurcht sei nichts anderes als die Erfüllung des ersten und wichtigsten Gebotes: "Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." (Mk 12,30) Wenn wir dabei Gott gross und herrlich genug sehen, dann wird aus dieser Bedingung schlussendlich ein Geschenkt dieses uns liebenden Gottes, das wir ganz bewusst annehmen dürfen. Wenn wir es aber ablehnen, dann gehören wir zu jenen Hochmütigen, welche glauben Gott nicht nötig zu haben, und deswegen von ihm "zerstreut werden", wie unsere Schriftstelle formuliert.


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