9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

Christen sind suchende Menschen

Was heisst das?
07. Januar 2019
Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten






"Christen sind suchende Menschen" predigte ein hochrangiger Kirchenmann jüngst an einem Wallfahrtsort. "Wir haben Gott nicht, wir müssen ihn suchen" fügte er an. Wieder einmal eine jener Aussagen, die richtig sind, wenn sie richtig verstanden werden, die aber auch ganz falsch verstanden werden können.

Sicher können wir Gott nicht haben in dem Sinn, dass wir ihn für uns vereinnahmen können. Das können wir auch mit dem intensivsten Suchen nicht. Sicher können wir Gott auch nicht haben in dem Sinn, dass wir ihn ganz und allumfassen erkennen können. Dazu fehlen uns die nötigen Fähigkeiten. Aber wir können Gott "haben" in dem Sinn, dass wir in eine persönliche Beziehung zu ihm treten, ihm in unserem Leben den ihm zustehenden, den entscheidenden Platz einräumen. Das können wir, weil Gott uns diese Beziehung erlaubt, ja sie von uns wünscht.

Doch woher wissen wir das, und zwar mit jener Sicherheit, welche eine solche Beziehung überhaupt erst ermöglicht? Auch da hilft uns unser ganzes Suchen nicht weiter. Dazu hat sich Gott uns geoffenbart und uns die Kirche geschenkt, welche diese Offenbarung treu bewahrt, und sie uns - auf sein Geheiss hin - vollständig und ungeschminkt zu verkünden hat. Es ist also nicht unser Verdienst, nicht unser Suchen, dass wir Gott "haben". Es ist ein Geschenk Gottes an uns. An uns ist es "nur", diese Offenbarung anzunehmen, und dann auf sein Wort an uns zu antworten: "Ja, Herr, ich glaube. Hilf meinem Unglauben." (vgl. Mk 9,24) Gott suchen heisst also, aufmerksam werden auf Gott und das, was er uns sagt und sagen lässt, und dies dann auch wahrzunehmen, für wahr zu nehmen.

"Wir haben die Wahrheit nicht, wir müssen sie suchen" hiess es in dieser Predigt weiter. Was wir über "Gott haben" gesagt haben, das gilt auch für "die Wahrheit haben". Auch die Wahrheit haben wir nicht in dem Sinn, dass wir über sie verfügen könnten, oder dass wir von uns aus in der Lage wären, sie immer ganz und irrtumsfrei zu erkennen. Da hilft meist alles Suchen nicht weiter. Bei den irdischen, vergänglichen Wahrheiten ist uns das klar. Bei den göttlichen Wahrheiten ist es genauso. Wir sind auf Gottes Offenbarung angewiesen, um jene ewige Wahrheit zu erkennen, welche Gott selber ist. An uns ist es, diese wahrzunehmen, für wahr zu nehmen, zu glauben.

"Auch den Weg dazu haben wir nicht, wir müssen ihn suchen" erklärte der Prediger weiter. Das gilt oft in unserem Leben. Beim Weg zu und in einer Gottesbeziehung aber, beim Weg zu einer immer besseren Erkenntnis der ewigen Wahrheiten, hat uns Gott - wiederum in seiner Offenbarung - einerseits das Ziel vorgegeben, das ewige Leben, und andererseits uns diesen Weg vorgezeichnet und mit allen nötigen Wegweisern und Gefahrensignalen versehen. An uns ist es auch hier, dies alles wahrzunehmen, für wahr zu nehmen, und so mit offenen Augen für Gott und an seiner Hand durch unser Leben zu gehen. Diesen Weg für die gefallene Menschheit wieder zu eröffnen, dazu ist unser Erlöser aus Sünde und Schuld in unsere Welt gekommen und am Kreuz für uns gestorben. Zu ihm dürfen, ja sollen wir auch immer und immer wieder gehen, wenn wir Probleme haben. Er bittet uns sogar darum: "Lasst euch mit Gott versöhnen!" (2.Kor 5,20).

Auf das Problem, weshalb es Menschen gibt, welche noch nichts von dieser Offenbarung Gottes an uns gehört habe, oder welche diese Offenbarung ablehnen, aber auch solche, welche sie zuerst einmal annehmen, dann wieder verwerfen, wenn sie Konsequenzen für ihr Leben hat, oder umgekehrt, welche diese Offenbarung zuerst ablehnen oder gar bekämpfen und dann plötzlich umkehren zu Gott, und dann wieder solche, welche diese Offenbarung missverstehen oder in Besserwisserei verfälschen, und wie Gott in seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit mit all diesen umgeht (aber auch mit uns und all unseren Schwächen und Sünden), auf das können wir hier nicht näher eingehen. Es ist dies die letztendlich unergründliche Frage der Allmacht Gottes, seiner Vorsehung, seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe einerseits, und unserer persönlichen Freiheit und Verantwortung andererseits.



********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben