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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gott

der vergessene Vater
 

20. Juni 2020

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Von Jesus ist viel die Rede in unserer modernen Kirche, von Christus einiges weniger. Auch der Geist Gottes weht oft, der Heilige Geist ebenfalls weniger. Gott selbst wird sehr oft erwähnt, besonders «Gott ist Liebe» oder «Gott ist die Liebe» (wobei manchmal nicht ganz klar ist, ob nun Gott die Liebe ist oder die Liebe Gott). Doch wenn da nicht das Gebet des Herrn wäre, das Vaterunser, so müsste man wohl Gott den Vater mit der Laterne suchen. Dabei beten wir, oder sollten wir zumindest, jeden Sonntag in der Heiligen Eucharistie als ersten Satz des Credos: «Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.»

Gott unser Vater, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine Predigt zu diesem Thema gehört hätte. Doch ehrlicherweise muss ich auch gestehen, dass ich selbst mich in letzter Zeit eigentlich herzlich wenig ganz bewusst mit ihm beschäftigt, dass ich ihn nur selten in meinen Gebeten ganz bewusst angesprochen habe. Auch mir bleibt Gott als mein Vater oft irgendwie eine Formel, ein schwer definierbares Etwas, aber nicht eine in meinem Leben real handelnde Person, jemand, zudem ich eine persönliche Beziehung haben kann, ja soll.

Doch, was heisst hier Vater? Die Rolle des leiblichen Vaters ist in unserer modernen Zeit längst nicht mehr jene früherer Zeiten. Das gilt in der Familie. Das gilt noch mehr in der Grossfamilie, in der Sippe, welche bei uns längst ihre Bedeutung eingebüsst haben. Dass so Gott als unser Vater für uns auch nicht mehr so wichtig ist wie früher, dass wir moderne Menschen uns viel weniger abhängig fühlen von ihm als unsere Vorfahren, ist irgendwie verständlich, aber gefährlich. Denn Gott will für uns mehr sein als jener, welcher uns pünktlich mit dem nötigen Taschengeld versorgt, zu dem wir immer kommen können, wenn wir ihn brauchen, der uns aus der Patsche hilft, wenn wir wieder einmal Mist gebaut haben, aber sonst seine Ruhe haben will. Gott will in Tat und Wahrheit unser Vater sein, der uns liebende Vater sicher, aber gerade deswegen auch jener, dem es nicht gleichgültig ist, was und warum wir etwas tun oder lassen, dem es nicht gleichgültig ist, wie wir untereinander umgehen, wie wir seine Schöpfung behandeln, aber auch wie wir mit ihm umgehen. Er will unsere Beziehung zu ihm, die Beziehung des erwachsenen Kindes (soweit wir dies schon sind), mitverantwortlich für das Wohl der ganzen Sippe und deshalb auch gehorsam gegenüber seinen Weisungen und Geboten.

Ich weiss, das ist nicht mehr das Vaterbild unserer Zeit, besonders in unseren Breitengraden. Aber es ist das Vaterbild der Schrift unter welchem sich diese erste Person der göttlichen Dreifaltigkeit uns offenbart. Es ist das Vaterbild jenes Reiches Gottes, zu welchem uns der Sohn uns durch Leiden, Tod und Auferstehung den Zugang wieder eröffnet hat. An dieser Hand gehen wir unseren Weg schon hier und jetzt, einen Weg, der einst in unsere ewigen Heimat, den Himmel, führen soll. Und auch dort wird Gott unser Vater sein, der allmächtige, unser Schöpfer und Herr.


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