Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die ihr ihn fürchtet

  Ps 115,11
 
vertraut auf den Herrn

17. März 2020
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Alle, die ihr den Herrn fürchtet, vertraut auf den Herrn! / Er ist für euch Helfer und Schild.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich je Angst gehabt hätte vor Gott, obwohl ich noch in jener Zeit gross geworden bin, von der man sagt, sie hätte eine Drohbotschaft verkündet. Sicher, die Gottesfurcht gehörte damals zu jenen Themen welche in der Katechese immer wieder einmal zur Sprache kamen. Ich habe das aber nie als Angstmacherei erlebt. Der entscheidende Begriff hinter allem war immer der «liebe Gott».

Dieser liebe Gott war allerdings nicht einfach nur Liebe. Er war genauso Gerechtigkeit. Er war nicht einfach nur mit uns und uns nahe. Er war genauso der unfassbar Grosse, der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er war nicht nur jener, der zu uns sagt: «Komm zu mir, ich will dich erhören.» Er war genauso jener, welche sich in der Schrift offenbart als jener, der sagt: «Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst … »

Diese zwei Begriff waren für unser Gottesbild massgebend, Herr und Vater. Wenn heute diese beiden irgendwie fast gegensätzlich gesehen werden, so waren sie damals, - wenigstens, so wie es erlebt habe – gerade in Bezug auf Gott sozusagen deckungsgleich. Seitdem hat sich das Vaterbild unserer Gesellschaft im Zug der Individualisierung verändert. Der Mensch ist nicht mehr so existenziell auf die Familie, die Familie schon lange nicht mehr derart auf die Sippe angewiesen wie früher. Damit erübrigt sich immer mehr der Vater als «Herr», als jene leitende und letztentscheidende Instanz, welche für den Zusammenhalt und damit für das Wohl und Wehe der ganzen Gemeinschaft zuständig war. Damit wiederum verflüchtigte sich auch sein Anspruch auf Ehre und Gehorsam. So wurde dann auch der Begriff Ehrfurcht ausgehöhlt, selbst in Bezug auf Gott und die Gottesfurcht bekam einen negativen Beigeschmack.

In der Folge davon erlosch auch das Verständnis für den Begriff «der Erstgeborene» für den «Menschensohn», Christus unseren Herrn. Der Erstgeborene war früher der Stellvertreter des Vaters, seine rechte Hand, und schliesslich sein Nachfolger. Wo Gott nicht mehr der Vater im biblischen Sinn ist, ist auch Christus nur noch «chronologisch» der Erstgeborene. Er ist einfach nur noch der Sohn. Das erklärt, wie es zur Überbetonung der Bezeichnung «Bruder» in der modernen Spiritualität kommen konnte. Einfach als Bruder aber gebührt ihm auch keine besondere Ehre mehr, fällt er nicht mehr unter den Begriff der Gottesfurcht.

«Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, / die Kenntnis des Heiligen ist Einsicht.» (Spr 9,10) Was war wohl zuerst, der Einbruch der Gottesfurcht oder die mangelnde Kenntnis des Heiligen? Auf alle Fälle fehlt heute weitgehend die Einsicht, dass wir alle, als Einzelne wie als Gesellschaft, existenziell von Gott abhängig sind, sowohl für unser irdisches wie für unser ewiges Leben. Deshalb fordert der Psalmist das Vertrauen auf Gott logischerweise zuerst von jenen, welche Gott «fürchten», welche «sich ihm in Ehrfurcht nah’n» wie wir in einer Liedfassung des «Magnificat» singen. Diesen wird dann diese «Furcht» zum Vertrauen, zur Freude, welche jede Angst vor Gott und der Welt vertreibt.

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