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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Kirchenkrise

Der Grundkonsens fehlt
 

30. August 2020

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Wenn wir von aussen auf die Kirche schauen, dann erhalten wir oft den Eindruck, sie sehe heute ihren Auftrag, ihre Existenzberechtigung, darin, das irdische Heil des Menschen in all seinen Formen zu fördern. Es geht um das Wohlbefinden der Einzelnen, um den Schutz seiner Umwelt, um soziale Gerechtigkeit, um die Gemeinschaft untereinander und anderes mehr. In meiner Jugendzeit jedoch verstand sie sich eher als jene, welche das ewige Heil des Menschen, das Heil seiner unsterblichen Seele, als ihre erste Sorge, ihren eigentlichen Auftrag verstand.

Ein solcher Paradigmenwechsel geht normalerweise nicht ohne Reiberein und Streit vor sich. Auch wenn es heute so aussieht, als würde das moderne Kirchenverständnis Oberhand gewinnen, das bisherige Verständnis gibt sich noch lange nicht geschlagen. Es kann sich immer noch wesentlich besser auf die Schrift und die Überlieferung stützen als alle modernen Theorien und Spekulationen. Von einem Konsens in welcher Form auch immer sind wir noch weit entfernt.

Was einen Konsens verhindert ist das Fehlen eines Konsenses in der tieferliegenden Frage: «Wozu sind wir auf Erden?» «Wir sind auf Erden um Gott zu dienen und einst in den Himmel zu kommen.» erklärte der Katechismus meiner Jugend kurz und bündig. Im KKK wird diese Frage nicht so direkt gestellt. Deshalb ist auch seine Antwort darauf nicht auf eine kurze Formel zu bringen. Der YOUCAT seinerseits antwortet dann wieder direkt: «Wir sind auf Erden um Gott zu erkennen, nach seinem Willen das Gute zu tun, und eines Tages in den Himmel zu kommen.» Wenn wir genauer hinsehen, so zeigt sich auch hier dieser Paradigmenwechsel. Dass wir Gott dienen sollen, das passt nicht mehr so recht in das moderne Gottes- und Menschenbild. Wir sollen Gott erkennen. Dabei aber sollten wir nicht vergessen, dass wir von uns aus gar nicht in der Lage wären, ihn zu erkennen, hätte er sich uns nicht geoffenbart. Wir sollen nach seinem Willen das Gute tun. Dass dies nach seinem und nicht nach unserem Willen und Geschmack geschehen sollte, über das geht die moderne Interpretation gerne einfach hinweg. Das letzte Ziel, der Himmel, ist dann wieder beiden Formulierungen gemeinsam. Aber die heute offene Frage dabei ist, ob das Prädestination ist, oder auch - und wie - von unserem freien Willen abhängig, eine Frage, welche weitgehend tabu zu sein scheint.

Wenn wir hier weiterdenken, so stossen wir schnell einmal auf die letztlich alles entscheidende Grundfrage, die Gottesfrage. Hier zeigt sich der Paradigmenwechsel besonders deutlich. Früher galt in unserer Kirche das Gottesverständnis der Schrift: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst …“ Der moderne Gott dagegen ist sehr oft nur noch Liebe. Früher waren sich der Mensch bewusst, ein Geschöpf Gottes zu sein, geschaffen nach seinem Plan und Willen, zu seiner Ehre und zum Dienst für ihn und vor ihm, nicht zuletzt auch an unseren Mitmenschen. Heute steht der «Gott mit uns» im Vordergrund. Daraus entwickelt sich nun immer mehr ein «Gott für uns». Und die Gefahr ist gross, dass er - meist ganz unbewusst - zum Gott des moralistisch-therapeutischen Deismus wird, einem Gott dem es nicht so wichtig ist, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.

Überspitzt gesagt geht es darum, ob wir für Gott da sind, oder Gott für uns, ob wir Gott zu dienen haben oder er uns. Das Letztere wird wohl kein vernünftiger Mensch behaupten. Aber so zu leben, als ob dem so sei, dazu neigen wir Menschen immer wieder. Die Erklärung dafür ist ein anderes Tabuthema unserer Zeit, die Erbschuld, jenes sein wollen wie Gott, jenes selbst wissen, selbst entscheiden zu wollen, was (für mich) richtig und was falsch, was gut und was böse ist. Und typisch dafür ist, dass Gott in unserer Welt, ja sogar in unserer Kirche, längst nicht mehr überall der Herr sein, nicht mehr herrschen darf. Doch wo Gott nicht mehr herrschen darf, da wird jeder zu seinem eigenen Herrn. Und darauf lässt keinen Konsens und schon gar nicht eine Kirche aufbauen oder erhalten.

«Kehrt um zu ihm, Israels Söhne, / zu ihm, von dem ihr euch so weit entfernt habt.» Solange wir diesen eindringlichen Ruf des Propheten (Jes 31,6) nicht wieder ernst nehmen, ist kein Ende der Krise in Sicht. Im Gegenteil!


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