Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gut gemeint  

Disziplin macht Sinn

3. April 2015

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Nach einer Eucharistiefeier „mit Beteiligung der Erstkommunikanten“ fragte ich den Theologen, der diesen vorbereitet hatte, was das für eine Bibelübersetzung gewesen sei, aus der er die Lesungen genommen hatte. Es war „Die gute Nachricht“. Auf die Frage, ob diese Übersetzung für die Verwendung in der Liturgie vorgesehen sei, antwortete er klar und ehrlich: „Nein. Er verwende sie manchmal in Gottesdiensten mit Kindern, weil er sie für diese Altersstufe besser finde.“ Also, sehr gut gemeint, einfach nicht ganz nach Vorschrift.

Ob diese Übersetzung tatsächlich für Kinder besser geeignet ist, darüber lässt sich streiten, (auch darüber, ob „Die gute Nachricht“ nicht eher als „frei nach ..“ bezeichnet werden müsste. Die vorgetragene Stelle machte mir ein wenig diesen Eindruck.) Eine andere Frage aber ist, ob es sinnvoll ist, wenn Kinder in „ihren“ Gottesdiensten eine andere Übersetzung zu hören bekommen, als in einem normalen Sonntagsgottesdienst. „Das hat er doch letztes Mal anders vorgelesen.“ Schon für uns Erwachsene ist der Umgang mit verschiedenen Übersetzungen nicht immer einfach. Das weiss jeder, der schon einmal die Schrift vergleichend gelesen hat. Die Kirche bestimmt also aus gutem Grund für jeden Sprachraum eine einzige als liturgisch zulässige Übersetzung. Dass so vermieden werden soll, dass nicht plötzlich sektiererisch „gefärbte“ Bibeln eingesetzt werden, ist ein weiterer. Zudem, welche Übersetzung sollen die Gläubigen, besonders die Eltern, zu Hause haben und einsetzen, wenn in der Kirche verschiedene verwendet werden, je nachdem, welche der zuständige Liturge in der gegebenen Situation besser findet? Oder wie sollen so die Gläubigen dazu angeleitet werden, die gehörten Lesungen nochmals nachzulesen, wenn etwas nicht klar ist?

Gut gemeint ist oft aus einem ganz bestimmten Blickwinkel heraus gut, vielleicht sogar besser als die Vorschrift, aus einem anderen aber nicht, wenn nicht gar verwirrend. Zudem neigen wir so schnell einmal dazu, die Folgen unseres Tuns zu wenig zu bedenken. Die liturgische Disziplin ist also nicht zuletzt eine Frage der Gerechtigkeit. Keiner wird bevorteilt und keiner vor den Kopf gestossen, weil alle wissen, das hat die Kirche so bestimmt, damit alle, mit etwas guten Willen, es gut finden können. Damit ist auch besser gewährleistet, dass, so weit als nur möglich, die ganze Fülle der Wahrheit, die ganze Tiefe des Geheimnisses verkündet und vermieden wird, dass Einzelne der Gemeinde ihre persönliche Spiritualität und ihre vielleicht einseitigen Ansichten aufzudrängen versuchen.



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