Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Der Guthirtsonntag


und was daraus geworden ist

26. April 2015

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Das Andachtsbildchen vom guten Hirten, der das verlorene Schäfchen auf seinen Schultern trägt fehlte in meiner Jugendzeit nur selten in einem Kirchenbüchlein. Auch in der guten Stube und in vielen Kirchen hingen solche Bilder. Das war der Ausdruck einer tiefen, kindlichen Dankbarkeit gegenüber Christus, unserem Herrn und Erlöser, dem Hirten unserer Seelen und seiner heiligen Kirche. Im Kirchenjahr gipfelte er im Guthirtsonntag, an dem das entsprechende Evangelium verlesen wurde.

Aus diesem Sonntag wurde dann der Tag der geistlichen Berufe. Der Evangelientext blieb, der Sinn änderte sich zu einem Bitttag um geistliche Berufe. Also solche waren damals nicht Berufe im weltlichen Sinn gemeint, sondern Berufungen zum Priester- und Ordensstand. Aus dem Tag DES GUTEN Hirten war der Tag DER Hirten geworden, der Tag, an dem man sich erinnerte, was der Herr auch gesagt hatte: „Der Arbeiter sind wenige. Bittet also den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seinen Weinberg sende.“

Nun ist daraus der „Weltgebetstag – kirchliche Berufe“ geworden. Die entscheidende Bedeutung der geistlichen Berufungen für unsere Kirche und jeden Einzelnen von uns ging verloren, der grundlegende Unterschied zwischen Berufung und Beruf wird verwischt. Damit aber verdunstet auch das Verständnis für die Weihe und für die Gelübde, und damit schlussendlich für den hohe Wert der unverbrüchlichen Treue zum einmal gegebenen Versprechen, sein Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen, in den Dienst am ewigen Heil der unsterblichen Seelen und in den Dienst seiner Kirche.

Der Titel des Impulsheftes zu diesem Tag, das bei uns verwendet wurde, legt nun – indirekt zwar, aber deutlich genug – den Akzent auf unsere Berufung als Christen. „Getauft – gerufen – gesandt“ das sind wir ja alle. Konsequenterweise war das dann der Inhalt der Predigt bei uns. Dass dabei das Gebet für Priester und Ordensberufe vergessen ging, und dasjenige für alle kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nur noch in einer der Fürbitten vorkam, dass aber auch Christus nicht mehr als der gute Hirte erwähnt wurde, ist so nichts als logisch.

Doch, spiegelt diese Entwicklung des Guthirtsonntags nicht die „fortschrittliche“ Entwicklung von einer gottzentrierten Kirche hin zu einer menschzentrierten, um nicht zu sagen egozentrierten Gemeinschaft? Irgendwie kann ich alter Mann da nicht mehr ganz folgen. Irgendwie fühle ich mich so mit meiner Spiritualität, mit meinem Glauben zurück gelassen.



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