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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Einen lieben Menschen verloren

Er ist uns voraus gegangen

15. August 2016

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Wir hätten einen lieben Menschen verloren, hörte ich oft nach dem Tod meiner Frau. Ja, sie war ein lieber Mensch, mein Schatz. Aber habe ich ihn wirklich verloren? Natürlich, wir Menschen haben nur menschliche Worte um das auszudrücken, was wir beim Tod eines uns nahe stehenden Menschen empfinden. Und oft beschleicht uns dabei tatsächlich das Gefühl, wir hätten ihn verloren. Doch unser Glaube sagt uns etwas anderes. Wir haben ihn nicht verloren. Er ist uns nur voraus gegangen in die ewige Heimat. Und wenn wir einst unsere Aufgabe hier erledigt haben werden, wenn auch unser Zelt hier abgebrochen wird, wie Paulus es formuliert (2.Kor 5,1), werden auch wir ihm dorthin folgen, werden wir wieder mit ihm vereint sein. Das ist unser Glaube, das ist unsere Hoffnung.
 
Selbstverständlich, unser Glaube und unsere Hoffnung werden in solchen Momenten oft auf eine harte Probe gestellt. Gerade heute, wo die Tendenz besteht, alles zuerst einmal im Blick auf unser Leben hier und jetzt zu sehen, wo das letzte Ziel unseres Lebens, unsere ewige Heimat, so oft ausgeklammert oder doch als so selbstverständlich dargestellt wird, dass es sich nicht lohnt, daran zu denken, braucht es dann einen bewussten Glaubensakt, ein bewusstes „Ja, Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ (Mk 9,24). Dann dürfen wir uns nicht irre machen lassen durch all jene, welche den Gedanken an das Jenseits als „Opium für das Volk“ schlecht zu machen versuchen. Man kann jede Hoffnung als Opium bezeichnen. Und irgendwie hat jede Hoffnung auch eine psychologische Wirkung. Wie viele Hoffnungen und Erwartungen werden nicht in all die Drogen dieser Welt gesetzt, nicht nur in die mehr oder weniger harten. Das können auch Träume sein, die man pflegt. Das kann Ausgelassenheit und Lärm sein, Geschwindigkeitsrausch, Ehre und Anerkennung und vieles andere mehr. Unser Glaube sagt uns, dass unsere Hoffnung kein Traum und kein Betäubungsmittel ist, sondern die einzige Wirklichkeit, welche uns nie enttäuschen wird. Gerade jetzt, wo mein Schatz mir vorausgegangen ist, bin ich überzeugt, dass sie mich nicht verlassen hat, nicht für immer, aber auch nicht für den Rest meines Lebens, der mir hier noch bleibt. Ich bin überzeugt, dass sie immer noch bei mir und mit mir ist, dass ich eine tiefe Beziehung zu ihr pflegen kann und darf, vielleicht irgendwie so, wie in diesen letzten Jahren, in denen sie nicht mehr bei mir zu Hause sondern im Heim lebte, wo sie sich kaum noch ausdrücken konnte, wo sie es mir nicht mehr sagen konnte, dass sie mich liebt, ich es aber doch immer wieder spüren durfte. Im Augenblick kann ich nicht mehr hingehen, sie zu besuchen. Aber ich weiß, dass ich früher oder später sie wieder finden werde in einer Welt, in der es all jene Fehler und Schwächen nicht mehr gibt, die das Zusammenleben hier und jetzt so oft stören, manchmal sogar zerstören können.

Doch dann beschleicht mich manchmal ein wenig die Angst, ich könnte versagen, ich könnte den Weg dorthin verlieren. Schlussendlich sagt unser Glaube auch, dass unser ewiges Heil keine Selbstverständlichkeit ist. Selbst wenn Gott dieses uns allen bereithält, es annehmen, es anzustreben „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (vgl .Dtn 6,5), das ist und bleibt unsere Aufgabe. Doch dann glaube und vertraue ich, dass auch auf diesem Weg mein Schatz immer noch bei mir ist, dass Gott meine Bitte, auch auf ihre Fürsprache hin, erhört: „Bewahre mich vor dem Feuer der Hölle“.


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