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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ein Herr

der nicht mehr herrschen darf
  
30. Dezember 2019
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Ich war nicht darauf vorbereitet. Es ging alles sehr schnell in diesem Sonntagsgottesdienst. Aber wenn ich richtig gehört habe, so sagte der zelebrierende Priester deutlich: «… durch Christus, unseren Herrn» um dann anzufügen: «der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und liebt …»

Es ist nicht das erste Mal, dass mir solches aufgefallen ist. Und es wird wohl nicht das letzte Mal sein. Eigenmächtige «Verbesserungen» an den liturgischen Texten sind in unserer Gegend je länger je mehr an der Tagesordnung. Doch jedes Mal frage ich mich: «Was ist das für ein Herr, der nicht mehr herrschen darf? Warum musste der vorgeschriebene Text: „ … der mit dir … lebt und herrscht …“ abgeändert werden?»

Sicher. Wenn wir Gläubige alle schon Heilige wären, dann bräuchte unser Herr uns nichts vorzuschreiben, nichts befehlen. Dann bräuchte er nicht zu herrschen. Es würde genügen, dass er uns bittet, und wir würden aus Liebe zu ihm alles tun und nichts unterlassen, was ihm gefällt. Dann würden wir auch alles meiden, was seinen liebenden Plan mit uns allen stören könnte. Dann wären wir alle sozusagen ein Herz und eine Seele mit ihm. Aber wer von uns kann so etwas allein schon von sich selbst behaupten? Und die Lebensrealität - um einen modernen Ausdruck zu benutzen - ist doch, dass es zumindest noch den einen oder anderen Mitmenschen gibt, welcher diesem Anspruch auch nicht ganz, vielleicht sogar noch weniger genügt als wir, ja, dass unsere ganze Welt in ihrer Beziehung zum Schöpfer irgendwie gestört ist. Die Schrift erklärt dies mit der Erbsünde.

In dieser Situation kommt auch der beste und liebendste Herr nicht darum herum, seine Autorität geltend zu machen, zu herrschen. Jeder vernünftige Untergebene wird das verstehen und akzeptieren. Und jeder, der schon einmal Verantwortung getragen hat in irgendeinem Bereich, weiss aus Erfahrung, dass es nicht ohne geht. Warum sollte es bei Gott anders sein? Warum sollte er uns nicht auch dadurch seine Liebe zeigen dürfen, dass er uns führt und leitet, kurz, dass er herrscht? Und warum sollten wir ihm nicht unsere Liebe zeigen, indem wir uns seiner Herrschaft unterstellen?

«Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.» (Gen 3,5) versucht uns die alte Schlange immer wieder einzureden. Wer unseren Herrn nicht mehr herrschen lassen will, ist wir dieser, bewusst oder unbewusst, auf den Leim gekrochen.


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