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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ich bin der «Ich-bin-da»!

Der neue Name Gottes
02. Januar 2019
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Meiner Generation wurden schon viele Veränderungen in unserer Kirche und in ihren Texten zugemutet. So mussten wir uns auch mit einem neuen Gottesnamen abfinden. Das fiel mir eigentlich erst letzthin auf, als ich in einer etwas älteren Bibelübersetzung blätterte und dort auf die Stelle in 2.Mose 3,14 stiess: "Da sprach Gott zu Mose: »Ich bin, der ich bin.»" In der Einheitsübersetzung heisst es jedoch: "Ich bin der «Ich-bin-da»." Die Exegeten erklären diese neue Bezeichnung mit einer grösseren Nähe zum Original. Allerdings erwähnt jene ältere Übersetzung in den Anmerkungen als andere Möglichkeit noch: «Ich werde sein, der ich sein werde.» So steht es denn auch in der Luther-Bibel. Eine – meines Wissens aktuelle – englische und eine französische Übersetzung, die ich konsultiert habe, halten sich immer noch an die Diktion der Vulgatga.

In meiner Jugend war der Text der Vulgata verbindlich: «Ego sum qui sum.», zu Deutsch «Ich bin, der ich bin.» Ich erinnere mich noch gut daran, wie unser Herr Pfarrer dies uns im Religionsunterricht erklärte. Gott nennt sich der "Ich bin" zuerst einmal um sich klar abzugrenzen von allen anderen Göttern und Götzen, welche nicht sind, ein Nichts, ein Machwerk von Menschenhand und/oder menschlichen Fantasie. Er nennt sich auch "Ich bin" um zu betonen, dass er der ungeschaffene, ewige Schöpfer des Himmels und der Erde ist, dass er unabhängig von seiner Schöpfung existiert, dass er schon war, als von alldem noch nichts da war, und dass er auch dann noch sein wird, wenn Himmel und Erde prasselnd vergangen sein werden, wie Petrus formuliert. (vgl. 2.Petr 3,10). So heisst dann dieses "Ich bin" zusammengefasst einfach: "ICH bin Gott der Herr und sonst nichts und niemand!" Später im Fach Philosophie am Gymnasium wurde dann einmal das Seiende vom Sein unterschieden, wobei Gott allein das Sein ist, alle Geschöpfe aber nur Seiende. Das habe ich dann nicht so recht begriffen.

Nicht so recht in den Kopf will mir nun dieses: "Ich bin der «Ich-bin-da»." Natürlich kann man die ganzen Erklärungen von früher auch in diese Übersetzung hinein mitnehmen. Aber man muss nicht. Man kann auch mit diesem neuen Namen Gott für uns Menschen vereinnahmen. Man kann ihn damit sozusagen an unseren Raum und unsere Zeit festnageln, ihm einen Platz hier und jetzt, ein DA in dieser unserer Welt, zuteilen, wo er gefälligst zu sein hat. Das kommt dem Paradigmenwechsel von heute, dieser Neuausrichtung auf den Menschen statt Gott als Zentrum der Verkündigung, entgegen. Das verdrängt seine ganze Grösse und Herrlichkeit aus unserem Bewusstsein, und macht aus unserem Schöpfer und Herrn, meist ganz unbewusst, aber unser Denken und Handeln steuernd, einen Diener für uns Menschen.

Dieses Gottesverständnis, das uns diese neue Übersetzung suggerieren kann (nicht muss!) scheint mir persönlich zu einseitig, zu diesseitig, ich würde fast sagen zu kleinlich. Nur der ganze Gott ist der wahre Gott. Im "Ich bin" scheint diese ganze Grösse und Herrlichkeit auf, im "Ich bin da" viel weniger. Dieses "Ich bin" lädt ein zu seinem Lob, zu Dank und Anbetung, das "Ich bin da" – wenigstens nach meinen Gefühl - eindeutig zu wenig. Meine persönliche Gottesbeziehung baut mehr auf sein "Ich bin" als auf sein "Ich bin da", so wichtig auch das letztere für mich ist und bleibt. Ich würde sagen. Das "Da-sein" Gottes sei für mich genau deswegen so wichtig und herrlich, weil er ist, weil er Gott ist.

Natürlich kann und will ich als Laie nun nicht fordern, dass die Einheitsübersetzung und damit die liturgischen Bücher geändert werden. Es könnte ja gut sein, dass ich da etwas übersehe oder falsch verstehe. Aber irgendwie bin ich froh, dass dieser Name, wie ihn Gott dem Mose im Dornbusch geoffenbart hat, im christlichen Alltag wenig vorkommt. Ich selber spreche Gott nicht so an. Meine wichtigste Anrede für ihn lautet wie eh und je: "Mein Herr und mein Gott!"


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