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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Eine Ich-Religion

Die grosse Versuchung von heute
 
28. Januar 2021

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Ein Begriff, welcher mir diese Weihnachten zum ersten Mal begegnete – ich weiss nicht mehr genau wo - lässt mich seither nicht mehr in Ruhe: die Ich-Religion. Was heisst das konkret? Was im fraglichen Text darunter verstanden wurde, weiss ich nicht mehr genau. Scheinbar hat mich das nicht besonders angesprochen. Was aber ich darunter verstehe, das beschäftigt mich immer noch. Eine Ich-Religion ist nach meinem Sprachempfinden eine Religion, in welcher ICH im Zentrum stehe. Ob man so etwas noch Religion nennen kann?

Eine Religion, in welcher ich mein eigener Gott sein, oder wo ich selbst für andere Gott spielen will, das ist offensichtlich gegen jede Logik. Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch. Der Unterschied zwischen den beiden ist unüberbrückbar, wenigstens von unserer Seite her. Religion, so könnte man also sagen, ist es, jene Brücken zu beschreiten, die Gott uns zu ihm gebaut hat und immer wieder baut.

«Suchen und Finden, Bewahren und Entwickeln» schlägt Mgr. Felix Gmür, Bischof von Basel in seinem Hirtenwort zum 2. Sonntag im Jahreskreis vor. Mich hat diese Schreiben überhaupt nicht überzeugt. Für mich ist es nichts anderes als eine Sammlung jener schönen Phrasen, welche die moderne Verkündigung so gerne verwendet. Ich möchte nicht weiter darauf eingehen. Der tiefe Hintergrund fehlt. Alles ist vage. «Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor» möchte man sagen. Ich halte mich lieber an die alte Weisheit: «Man muss Gott nicht suchen, man muss ihn nur wahrnehmen, im Sinne von für wahr nehmen, was er uns sagt.» Man muss glauben wollen.

Wer hier Abstriche macht, wer meint, sich seinen Glauben selbst zurecht zimmern zu können, wer weglässt was ihm nicht in den Kram passt, wer verniedlicht was ihm zu hart erscheint, wer Dinge hinzufügt, welcher er aus anderen Weltanschauungen herbei zieht, kurz, wer seinen Glauben im Warenhaus der Meinungen und Ideologien zusammen sucht (und dabei den raffinierten Lügen der entsprechenden Werbung auf den Leim kriecht) der hat schlussendlich etwas, das man ruhig eine Ich-Religion nennen kann.

Aber selbst wenn für mich Gott wirklich Gott ist, wenn ich mich bemühe zu glauben, so besteht immer noch die andere Gefahr, dass ich aus dem Schöpfer des Himmels und der Erde einen Gott für mich mache. Ich muss nur mein Gebetsleben ein wenig analysieren um zu sehen, wie wichtig für mich, in der Beziehung zu ihm, ich selbst bin. Es geht um meine Bedürfnisse und meine Wünsche. Es geht natürlich auch um meine Freunde und Bekannten. Es geht um die grossen und kleinen Probleme dieser unserer/meiner Welt. Worum es aber nur selten geht, ist sein Heiliger Wille, sein Plan, seine Vorsehung. Deshalb sollten ich immer wieder mein Gebetsleben analysieren um zu sehen, ob und wie meine Beziehung zu Gott ichlastig ist. Zwei Haltungen sind es, in die gerade wir, die wir uns ernsthaft um eine gute Gottesbeziehung bemühen, gerne fallen. Die eine ist das Leistungsdenken. Die andere ist es, in unserem Beten und Singen etc. zuerst einmal unser persönliches Wohlbefinden zu suchen.

Das Leistungsdenken im Gebet wird immer wieder angeprangert. Ein Gott, bei dem wir für all unsere «Leistungen» Rabattmarken sammeln und dann das vollgeklebte Heftchen vorweisen und die entsprechende «Gegenleistung» kassieren können, entspricht kaum dem einzig wahren, unendlichen, gerechten und liebenden Gott unseres Glaubens. Das gilt andererseits natürlich auch in Bezug auf unser Versagen, unsere Faulheit und unsere Sünden. Ein Gott, das alles fein säuberlich registriert und uns schliesslich die Rechnung präsentiert, ist auch nicht unser katholischer, allumfassende Gott.

Genau so wenig hat es mit dem ganzen Reichtum unseres allumfassenden Glaubens zu tun, in unserer Beziehung zu Gott immer zuerst ein sich wohl Fühlen oder gar eine Hochstimmung zu suchen. Solches kann Gott uns schenken, wenn er das will, wenn er es für uns als gut und nützlich erachtet. Das dürfen wir dann dankbar annehmen. Aber genauso dankbar sollten wir immer auch all jene Wohltaten und Hilfen unseres Herrn annehmen, welche wir nicht als solche erkennen, bei welchen wir sagen müssen: «Ich verstehe Dich nicht mehr, mein Herr und mein Gott. Aber Du weisst es besser.» Und als hohe Schule der Dankbarkeit Gott gegenüber, gilt es dann, Gott auch für all das Schwere in unserem Leben zu danken, für alles, wo es nicht mehr anders geht, als unser Kreuz auf uns zu nehmen und dem Herrn auf seinem Weg zu folgen.

Das gute Gefühl spielt dann oft auch bei unserer Nächstenliebe eine Rolle, welche ihm nicht zusteht. Wenn ich mich einsetze, wenn ich spende oder was auch immer, und es mir zuerst einmal darum geht, mir auf die Schulter klopfen zu können, welch guter Mensch ich doch sei, dann gehört das auch irgendwie in den Bereich einer Ich-Religion. Wenn mir das alles dann noch dazu dient, mich um die Anteilnahme und die Hilfe bei meinen Allernächsten drücken zu können, dann kann ich mich dabei sicher nicht auf unseren Herrn berufen.

Wenn ich all das bedenke, so merke ich, dass eine solche Ich-Religion die grosse Versuchung aller Menschen und Zeiten, ja gerade unserer Zeit ist. Dann sollte ich mir immer wieder bewusst machen, was Petrus schreibt: «Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.» (1.Petr 5,8) Dabei kann mir dann ein Gedanke helfen, welchen ich in das regelmässige Stossgebet kleide: «Alles meinem Gott zu Ehren!» Eine einfachere und bessere Methode, weg vom Egozentrismus, hin zur Gottzentriertheit, zu einer tiefen, persönlichen Gottesbeziehung, habe ich bis jetzt nicht gefunden. Da kann ich mein ganzes kindliches Vertrauen hinein legen. Da kann ich auch jene Freude und jenen Frieden finden, welche die Welt nicht geben kann. Doch auch hier gilt: «Übung macht den Meister.»


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