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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Jahwe

Der Name Gottes
10. November  2017

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Die Lutherbibel benutze ich hin und wieder um bestimmte Textstellen zu vergleichen. Dabei stiess ich kürzlich auf „Gott sprach zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2.Mose 3,14) Ich weiss nicht, wie Luther diese Übersetzung rechtfertigt. Für mich ist sie irgendwie schleierhaft. Gott ist doch der Gleiche, gestern, heute und morgen. Er braucht doch nicht zu werden. Also ist er auch nicht der, der sein wird. Und dass er zu den Menschen sagen wollte: „Wartet nur ab. Ihr werdet schon noch merken, wer ich bin!“ das glaube ich wirklich nicht.

Um die Erinnerungen meiner Jugend zu überprüfen griff ich zur Vulgata: „Dixit Deus ad Moysen: “ Ego sum qui sum ”. Ait: “ Sic dices filiis Israel: Qui sum misit me ad vos». „Da sprach Gott zu Mose: »Ich bin, der ich bin“ Dann sprach er: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Der »Ich bin« hat mich zu euch gesandt.“ So lauteten dann auch alle anderen mir verfügbaren Übersetzungen aus dieser Zeit, auch solche in anderen Sprachen. Erst in der Einheitsübersetzung heisst es dann an dieser Stelle: „„Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da». Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der «Ich-bin-da» hat mich zu euch gesandt.“

Wenn ich nun die heutige Verkündigung hinein höre, so ist Gott fast nur noch der „Ich-bin-da“. Er ist bei uns, er ist mit uns, er ist für uns da. Das alles stimmt. Aber dürfen wir Gott dermassen auf sein Dasein für uns reduzieren? Beten wir ihn nicht an als den Schöpfer des Himmels und der Erde? Ist er nicht auch für den ganzen Rest des Universums da, und nicht zuletzt für „den Himmel und die Himmel der Himmel, welche ihn nicht zu fassen vermögen?“ (vgl 1.Kön 8,27) „Ich-bin-da“ sei die bessere, wörtlich korrektere Übersetzung meint der Kommentar der Einheitsübersetzung. Die Katechese meiner Jugend dagegen sagte: Mit der „Ich bin“ gibt sich Gott zu erkennen als der, welcher immer ist, welcher immer war und ewig bleiben wird. Mit diesem Namen grenzt er sich ab gegen alle anderen Götter und Götzen, welche nie wahrhaft sind oder waren. Dieser Name verkünde seine ganze, unermessliche Grösse, Macht und Herrlichkeit.

Irgendwie habe ich schon seit einiger Zeit das Gefühl in unserer Gesellschaft habe ein Paradigmawechsel stattgefunden von einer gottzentrierten zu einer menschzentrieten Kirche. Mich dünkt, wir gleiten immer mehr in eine Weltanschauung hinein, in welcher Gott dem Menschen dient, und nicht mehr der Mensch Gott zu dienen hat. Das führt dann zu jener – zur Zeit noch nicht explizit ausgesprochenen – Meinung, Aufgabe und Ziel des Menschen sei es, sich selbst zu verwirklichen und eine bessere Welt hier und jetzt zu schaffen, und nicht, wie der Katechismus meiner Jugend sagte: „um Gott zu dienen und einst in den Himmel zu kommen.“ Ist vielleicht dieser Paradigmawechsel auf die neue Übersetzung zurück zu führen? Oder zeigt sich darin einfach etwas, das sich damals zu entwickeln begann?

Auf alle Fälle zeigt dieses Beispiel, dass Bibelübersetzungen (und auch die Übersetzungen der liturgischen Texte) nicht einfach den Sprachwissenschaftlern und/oder den Theologen überlassen werden darf. Allzu leicht wird durch scheinbar harmlose Akzentverschiebungen die ganze Wahrheit verkürzt oder gar verfälscht.





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