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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Jesus

Christus
 

23. August 2020

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Immer mehr fällt mir auf, wie oft heute von Jesus die Rede ist und wie wenig von Christus. Natürlich ist es auch mir klar, dieser Jesus ist der Christus, der Herr und dieser Christus ist Jesus. Aber liegt heute nicht eine Akzentverschiebung zwischen dem Glauben meiner Jugend und jenem von heute vor? Wir nannten uns damals – wie schon die «Sekte der Nazoräer» zur Zeit des Apostel Paulus (vgl. Apg 11,26) – Christen. Und heute? Wäre es nicht bald einmal sinnvoller uns, oder zumindest ein gewisse Strömung im modernen Christentum, Jesuaner zu nennen?

In meinen jungen Jahren war diese Betonung von Jesus ein Merkmal evangelikanischer Gruppen. Auf diese hier einzugehen würde zu weit führen. Problematisch wird es aus meiner persönlichen Sicht, wo sich dieses Verständnis von Christentum in unsere katholische Kirche einzunisten versucht. Wir nennen uns nicht umsonst Christen. Es ist nicht dieser Jesus von Nazareth, den wir anhangen, dem wir nachfolgen. Es ist – oder sollte es sein – Christus, unser Herr und Gott. Natürlich ist auch für uns Jesus wichtig, aber nicht als jener begnadete Wanderprediger Jesus von Nazareth. Jesus ist für uns einfach der Name jener menschlichen Person, unter welcher der Sohn Gottes, die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, Mensch geworden ist, das Reich Gottes verkündet, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung sein Volk aus seinen Sünden erlöst (vgl. Mt 1,21) und uns die ewige Heimat wieder erschlossen hat. Deshalb sprechen wir auch normalerweise von Christus oder auch von Jesus Christus.

Wenn wir dies bedenken, dann wird klar, dass eine solche Überbetonung von Jesus diesem Jesus von Nazareth im Grunde genommen nicht gerecht wird. Einerseits tritt dabei gerne seine Gottheit in den Hintergrund. Andererseits geht dabei seine eigentliche Sendung als der Gesalbte, als unser Erlöser und Heiland nur allzu gerne vergessen. Im Tiefsten vollzieht sich damit jener Paradigmenwechsel von gottzentriert zu menschzentriert, welchen wir heute, nicht nur in unserer Kirche, beobachten. In der Person Jesu tritt immer mehr der Mensch Jesus in den Vordergrund. Logischerweise rückt dann auch schnell einmal in unserem eigenen Leben, in unserer persönlichen Beziehung zu Gott, der Mensch, das eigene Ich ins Zentrum. Die grosse Gefahr davon aber ist, dass Gott immer mehr zur Randfigur in Kirche und Welt und auch im persönlichen Leben wird, zu jenem, dem es nicht so wichtig, ob ich mich um ihn kümmere oder nicht. Wenn ich ihn brauche, hilft er mir, sonst aber darf ich tun und lassen, was sich gut anfühlt.

Dem entgegen zu stellen wäre meines Erachtens unser trinitarischer Glaube. Gott ist dreifaltig einer. Dieses Geheimnis erlaubt es nicht, Jesus irgendwie unabhängig vom ganzen Gott zu betrachten, eine Beziehung nur zum ihm und nicht zum ganzen Gott aufzubauen. Und es erlaubt uns schon gar nicht, in dieser Beziehung die Gottheit Christi zu vernachlässigen und/oder die Erlösung aus Sünde und Schuld als nebensächlich oder gar selbstverständlich, irgendwie automatisch anzusehen. All das wäre nicht katholisch, allumfassend.

Vergessen wir nie: «Nur der ganze Gott ist der wahre Gott. Nur die Beziehung zum ganzen Gott ist eine wahre Gottesbeziehung. Nur wo ich lerne mich selbst zurück nehmen vor der unergründlichen Grösse und Herrlichkeit unseres Gottes, welcher uns in seinem Mensch gewordenen Sohn so unfassbar nahe gekommen ist, werde ich auch lernen mich selbst zurück zu nehmen dort, wo es die Liebe zum Nächsten (aus Liebe zu Gott) erfordert.


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