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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Jüngerschaft

Das schaffen wir
08. August 2018
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Da behauptete doch jemand allen Ernstes, unsere Kirche hätte bereits 300 nach Christus mit der Jüngerschaft aufgehört. Dem möchte ich widersprechen. Denken wir nur an die "Nachfolge Christi" von Thomas von Kempen (†1471), ein Buch, das Jahrhunderte das Standardwerk für die Jüngerschaft war. Leider ist es heute ziemlich in Vergessenheit geraten.

Oder reden wir nicht vom Gleichen? Im Religionsunterricht meiner Jugend wurde die Jüngerschaft mit einem Wort des Herrn definiert: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach."(Lk 9,23) Damit war klar, Jüngerschaft ist etwas ganz Alltägliches. Jüngerschaft ist jedem möglich, in jeder Situation, an jedem Platz und in jeder Aufgabe, wo Gott ihn hingestellt hat. Thomas von Kempen hat sein Werk für die Mönche seines Klosters geschrieben. Dass es sich so weit und in alle Bevölkerungsschichten hinein verbreiten konnte zeigt, dass im Alltag des Mönches in Bezug auf die Jüngerschaft im Grunde genommen das Gleiche gilt, wie für alle anderen Menschen auch.

Zuerst geht es darum, sich selbst zurück zu nehmen vor Gott unserem Schöpfer und Herrn und seinen Willen zu erfüllen. Zum heiligen Willen Gottes gehört es dann auch das eigene ICH zurück zu nehmen zu Gunsten unserer Nächsten, den Allernächsten zuerst und dann all unseren Brüdern und Schwester auf der Welt. Dabei sind nicht zuerst grossartige Leistungen gemeint. Es geht einfach darum den eigenen Egozentrismus zu zügeln, nicht immer der Erste sein zu wollen, nicht immer alles besser wissen zu müssen, auch einmal auf sein Recht verzichten zu lernen, damit andere nicht, oder doch weniger leiden. Ins gleiche Kapitel gehört dann auch, uns immer wieder unseres Versagens und unserer Sünden bewusst zu machen, und dann die Mahnung des Völkerapostels anzunehmen: "Lasst euch mit Gott versöhnen." (2.Kor 5,20)

Eine solche "Selbstverleugnung" hilft uns dann auch, täglich unser Kreuz auf uns zu nehmen und Christus auch auf diesem Weg nachzufolgen. "Der Sklave ist nicht größer als sein Herr." (Joh 15,20) Dabei heisst Jüngerschaft keineswegs, das Leid zu suchen. Das hat er Her auch nicht getan. Es geht einfach darum, was unsere Vorfahren mit dem Begriff "Ergebung in Gottes Willen" gemeint haben. Es geht um die Haltung des Herrn in Gethsemane "Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen." (Lk 22,42) Und nicht zuletzt geht es um das Vertrauen. Wenn Gott von uns die Ergebung in seinen Willen in allen Situationen des Lebens erwartet, so dürfen wir auch vertrauen, dass er es immer und überall gut mit uns meint, nur das Beste für uns will, auch wenn wir dies im Augenblick nicht, vielleicht sogar erst in der ewigen Heimat erkennen werden. Auch hier dürfen wir uns wieder am Vorbild unseres Herrn am Ölberg orientieren.

Nachfolge ist dann die Zusammenfassung von alldem. Dass sie in unserem Text explizit erwähnt wird, heisst wohl zweierlei. Einerseits bedeutet Nachfolge nicht, auf dem Stühlchen zu sitzen und auf bessere Zeiten zu warten. Der Herr hat seine Aufgabe in dieser Welt erfüllt, in Freud und in Leid, auf dem Tabor und bis hinauf ans Kreuz. Wer sein Jünger sein will, der geht genauso seinen Weg durch diese Welt. Dann wird er ihm schlussendlich auch in seine Auferstehung hinein folgen dürfen. Andererseits heisst Nachfolger auch, alles in der Beziehung zu Gott und aus dieser Beziehung heraus zu tun. Auch wir dürfen Christus immer wieder an einen stillen Ort folgen um im Gebet diese Beziehung zu pflegen, um daraus neue Kraft schöpfen und immer wieder neu zu lernen, wie wir auch im Getümmel des Alltags in dieser Beziehung bleiben und unsere Jüngerschaft leben können.

Eigentlich ist das alles sehr einfach. Warum ist es aber gerade für uns Heutige oft so schwer? In einer Diskussion war jüngst von der anthropozentrischen Wende die Rede. Niemand wird wohl bestreiten, dass sich heute, bis hinein in die Kirche, ihre Verkündigung und ihr Handeln, alles immer mehr um den Menschen dreht. Dem aufmerksamen Beobachter wird auch auffallen, wie wenig, beziehungsweise wie einseitig auf seine Liebe fokussiert, heute die Rede von Gott ist. "Wir schaffen es" posaunte vor einiger Zeit eine Politikerin in die Welt. Vom "heiligmachenden Tun" schrieb unser Heiliger Vater in "Gaudete et exsultate". "Wir schaffen es." Es fehlt ja nur so wenig zum Beispiel für Friede und Gerechtigkeit in dieser Welt. Wenn nur alle Menschen etwas mehr guten Willen an den Tag legen würden! Und dabei vergessen wir, was unsere Vorfahren noch am eigene Leib erfahren haben: "An Gottes Segen ist alles gelegen!"

Jüngerschaft aber heisst gerade nicht "Wir schaffen es". Der Jünger steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Wirklichkeit, auch der Wirklichkeit des Bösen in der Welt und in uns selber. Er kennt seine Grenzen. Er weiss sich angewiesen auf Gott. Und, der Jünger weiss: "So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." (Lk 17,10) Der Herr ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." (Mk 10,45) Der Jünger ist nicht auf Erden, um sich von Gott bedienen zu lassen, sondern um Gott zu dienen, so wie er es will und an dem Platz, wo er ihn hingestellt hat. Das schaffen wir um so besser und leichter, je mehr wir immer wieder umkehren zu Gott und ihn ins Zentrum von allem stellen.


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