Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wer mein Jünger sein will

Lk 9,23
 
Die Nachfolge Christi

08. Januar 2021
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«Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.»

In einer Diskussion fiel so nebenbei das Wort Jünger. «Die offizielle Definition von Jünger findet sich in Lukas 9,23» warf einer ein. Das eigentliche Thema aber war ein anderes, sodass niemand darauf einging. Zuhause habe ich dann nachgeschaut. «Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» heisst es an der fraglichen Stelle.

Jünger Christi zu sein besteht also aus drei Elementen; sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und dem Herrn nachzufolgen. Im Büchlein «Nachfolge Christi» von Thomas von Kempen aus dem 15. Jahrhundert sind diese Elemente noch sehr intensiv beschrieben. In der modernen Verkündigung muss man sie schon fast mit der Lupe suchen. Und doch. Ich glaube nicht, dass wahre Jüngerschaft ohne das Bemühung um diese Haltung auskommt.

Da ist zuerst die Selbstverleugnung. Dem gegenüber steht in unserer modernen Welt die Selbstverwirklichung. Beide Begriffe benötigen einer kurzen Definition. Selbstverwirklichung wird heute meist als Verwirklichung seines Traumes von sich selbst verstanden. Sie ist so ein sehr egozentrischer Ansatz für ein gelungenes Leben. Selbstverleugnung dagegen ist heute sehr negativ belegt. Dem aber war nicht immer so. Die Selbstverleugnung in der Schrift ist einfach der Kampf gegen die Überbewertung der eigenen Person, das Bemühen, sich seines Platzes als Geschöpf im Plan Gottes bewusst zu werden und dementsprechend Gott und seinen Heiligen Willen ins Zentrum seines Lebens zu stellen. Vorbild für diese Art der Selbstverleugnung ist uns Christus selbst: « Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. (Phil 2,6-11)

Dann das Kreuztragen. Auch das ist heute negativ belegt. In meiner Jugend wurde eigentlich nicht sehr oft davon gesprochen. Dafür um so mehr von den Fügungen Gottes, von seiner Vorsehung. So wie auch Leiden und Tod unseres Herrn nicht einfach blindes Schicksal waren, sondern zum Plan Gottes für unsere Erlösung aus Sünde und Schuld gehörten, so sind auch unser Leid und unser Tod nicht einfach reine Zufälle, sondern gehören zu unserem Leben als Menschen, welche durch die Erbschuld den paradiesischen Zustand verloren haben und nun unseren Weg durch diese Welt und Zeit zu unserer ewigen Heimat gehen müssen. Unsere grosse Hilfe auf diesem Weg ist das Kreuz unseres Herrn, welches uns Licht, Hoffnung und Kraft auf diesem Weg gibt. Daraus erwächst unser Vertrauen darauf, dass auch unser Leid und unser Tod nicht sinnlos sind, dass auch sie zum Plan Gottes mit uns und der ganzen Welt gehören, dass auch sie zu Heil und Segen werden können, für uns und für unsere Nächsten.

Und damit wären wir bei der Nachfolge. Sie bedeutet, in jeder Situation unseres Lebens auf Gott, auf Christus den Herrn zu sehen, seinen Willen zu suchen und uns zu bemühen, diesen treu zu erfüllen. Sie bedeutet, uns nicht einfach wohnlich in dieser vergänglichen Welt einzurichten, sondern immer unser ewiges Ziel vor Augen zu haben. Sie bedeutet dann auch, unseren persönlichen Auftrag in und für diese Welt tatkräftig anzugehen, die Talenten, welche uns Gott dafür gegeben hat, bestmöglich einzusetzen. Dabei aber müssen wir wachsam bleiben. Es besteht immer die Gefahr, dass wir diese falsch oder am falschen Ort einsetzen. Nachfolge heisst also auch: «Lehre mich, Herr, deinen Willen tun!»

Zusammengefasst heisst Jünger sein also nichts anderes, als in einer möglichst guten, konstanten und vertrauensvollen Beziehung zu Gott zu leben. Jede wahre Beziehung aber ist gegenseitig. Wir dürfen uns nicht einbilden eine solche aus eigener Kraft auf- und ausbauen zu können. Wir dürfen aber auch nicht glauben, Gott würde alles für uns erledigen und uns auch ohne unser Zutun zur ewigen Heimat führen. «Heiligkeit ist die tiefe Beziehung zu Gott, ein wunderbares und unergründliches Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen.» Das Gleiche lässt sich auch von der Jüngerschaft sagen. Oder besser gesagt, Jüngerschaft und Heiligkeit hier auf Erden sind im Grunde genommen das Gleiche.

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