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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Kannitverstan

Neuevangelisattion heisst

20. April 2016

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Ein junger Handwerksbursche aus Tuttlingen (damals Herzogtum Württemberg) besucht zum ersten Mal in seinem Leben die Weltstadt Amsterdam und betrachtet dort mit Erstaunen ein besonders prächtiges Haus und ein großes Schiff, das mit den kostbarsten Waren beladen ist. Er fragt nach den Besitzern des Hauses und des Schiffes und erhält beide Male die Antwort „Kannitverstan“, was so viel heißt wie „Ich kann dich nicht verstehen“. Der Handwerksbursche glaubt jedoch, dass es sich bei „Kannitverstan“ um den Namen des Eigentümers handele, und ist beeindruckt vom vermeintlichen Reichtum des Herrn Kannitverstan und vergleicht ihn betrübt mit seiner eigenen Armut. Schließlich trifft er auf einen Leichenzug und fragt einen der Trauernden nach dem Namen des Verstorbenen. Als er wieder die Antwort „Kannitverstan“ erhält, versöhnt er sich mit der Ungleichheit in der Welt und betrauert den verstorbenen Herrn Kannitverstan, den all sein Reichtum doch nicht vor dem Tod bewahren konnte.

Diese Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel kam mir in den Sinn, als mir kürzlich eine Bekannte erzählte, sie hätte einen bestimmten Text von mir verschiedenen Leuten vorgelegt. Die meisten von ihnen aber hätten ihn nicht oder nur schwer verstanden, aus dem einfachen Grund, weil ihnen das nötige Glaubenswissen fehlte, weil sie mit bestimmten, glaubensspezifischen Begriffen nichts anzufangen wussten, weil ihnen nicht einmal mehr die grundlegendsten Definitionen der Lehre unserer Kirche bekannt waren. Da wurde mir so recht klar, welch schwerwiegende Folgen die „weichgespülte“ Verkündigung der letzten Jahrzehnte hat. Immer mehr Menschen verstehen nicht mehr, was die Kirche sagt, was unser Glaube lehrt. Viele Diskussionen in Glaubensfragen scheitern am „Kannitverstan“ der Gesprächspartner. Wir haben längst keine gemeinsame Glaubenssprache mehr.

Neuevangelisation bedeutet unter diesen Umständen also nicht, mit hochtheologischem Wissen (mit glänzenden Worten, wie Paulus in 1 Kor 2,1 sagt) zu den Menschen zu kommen. Wir müssen zuerst wieder die Grundwahrheiten des Glaubens verkünden, und zwar „ob man es hören will oder nicht“ (vgl 2 Tim 4,2) Wir müssen die Menschen wieder zu einem gesunden Glaubensleben anleiten, zum Gebet, zu den Sakramenten und zu den Grundtugenden wie Glaube, Hoffnung und Liebe. Und nicht zuletzt müssen wir sie daran erinnern, dass das erste und wichtigste Gebot nicht heisst: „Du sollst dieses oder jenes tun oder lassen“ sondern schlicht und einfach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken.“ (Lk 10,27) Denn das ehrliche Bemühen, Gott zu lieben, ist nichts anderes als jene Suche nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, der alles andere hinzu gegeben wird. (Mt 6,33)



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