9


Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

Alle Texte sind im Menu links aufrufbar

A propos Kasuistik

ein provokativer Gedanke

20. Juni 2016

Aphorismen
Gedanken-
splitter

Gedanken-
splitter Archiv

vernachlässigte Aspekte
vernachlässigte Aspekte Archiv
Weihnachts-
geschichten

Spruch der
Woche





Kasuistik gibt es überall. Und, Kasuistik gibt es zweierlei. Wenn heute von Kasuistik die Rede ist, so ist meist jene Haltung von Vorgesetzten und Amtsinhabern gemeint, welchen den Buchstaben des Gesetzes dazu verwenden, den gesunden Menschenverstand und/oder die Barmherzigkeit auszuschalten und so ihre Autorität zu erhalten und zu festigen. Es gibt aber noch eine andere Kasuistik, nämlich jene, welche den Buchstaben des Gesetzes dazu verwenden, um sich aus unangenehmen Pflichten und Verpflichtungen herauswinden zu können, um sich Vorteile irgendwelcher Art zu sichern, oder um sich aus seiner Verantwortung stehlen zu können. Die offensichtlichsten Beispiele dafür finden sich auf dem Gebiet der Steuern. Aber auch Staranwälte arbeiten oft mit solchen Mitteln.

Wenn in unserer Kirche von Kasuistik die Rede ist, so ist normalerweise ebenfalls die erste gemeint. Dass es auch die zweite gibt, wird gerne verdrängt. Aber schon in meiner Jugendzeit hatte unser Herr Pfarrer einige Müsterchen davon auf Lager. Und heute scheint sich mir die grosse Gefahr abzuzeichnen, dass mittels juristischer Spitzfindigkeiten - was ein anderer Begriff für diese zweite Art der Kasuistik ist - versucht wird, eine Ungültigkeitserklärung für eine Ehe in der Krise zu erreichen, oder für eine bereits „definitiv“ gescheiterte, weil einer oder beide Partner inzwischen eine neue, eheähnliche Partnerschaft eingegangen sind. Dass die erste Ehe ungültig war, das glauben die Betreffenden meist selber nicht. Sie haben diese in der ersten, mehr oder weniger langen Zeit auch nie in Zweifel gezogen, und denken meist auch heute nicht daran, dass ihre jetzige „Ehe“ ungültig sein könnte. Die kirchenrechtliche Möglichkeit, dass es ungültige Ehen gibt, wird einfach zu dem Zweck heran gezogen, das vor Gott und den Menschen gegebene Treueversprechen ohne schlechtes Gewissen brechen zu können, beziehungsweise um das aufbegehrende Gewissen zum Schweigen bringen und sich einreden zu können, alles sei in bester Ordnung. Es wird an den kirchlichen Ehegerichten sein zu urteilen, ob die Gründe für eine Nichtigkeitserklärung echt und nicht einfach vorgeschoben sind. Leicht werden diese Entscheide nicht, aber leichtfertig dürfen sie auf keinen Fall sein.

Das eigentliche Problem dieser Art der Kasuistik liegt aber nicht in den Einzelfällen. Hier können wir das Urteil ruhig Gott überlassen. Der Nachahmungseffekt aber ist nicht zu unterschätzen. Je leichter anscheinend eine Ungültigkeitserklärung wird, desto mehr Menschen geraten in Versuchung, ihre Probleme ebenfalls durch eine „Scheidung auf römisch-katholisch“ zu lösen. Das Verständnis dafür, dass die Kirche gegebenenfalls auch einmal Nein sagen könnte, schwindet dann je länger je mehr, womit wiederum der Druck auf die kirchlichen Gerichte steigt. Das sollten wir eigentlich schon längst wissen. Oder ist es nicht so, dass wir unsere heutige Situation nicht zuletzt der Tatsache verdanken, dass die Kirche und ihre Amtsträger im Fall des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs zuerst, dann beim Zusammenleben ohne Trauschein, bei der Abtreibung und nun auch im Fall der wiederverheirateten Geschiedenen sich ihre Treue zum göttlichen Gesetz allzu leicht als Kasuistik verteufeln liessen, und deswegen ihren Verkündigungsauftrag vernachlässigten und immer noch vernachlässigen?


********


Home
weitere Texte
Archiv
nach oben